Dienstag, 24. November 2009

Vom Lesen

Also

Ich bin ja ein lesender Mensch.
Und ich gestehe: dies ist durchaus auch eine Form der Sucht.
Exzessives Lesen.
Man steht damit gesellschaftlich zwar besser da, als exzessive Trinker oder Raucher, aber ein süchtiges Verhalten ist es durchaus, wenn man keine S-Bahnfahrt ohne Buch übersteht; auf dem Beifahrersitz stets eines griffbereit hat und sich über jeden noch so kleinen Stau freut- ja freut, denn man könnte ja mal eben ein paar Seitchen lesen...
Bedenklich ist es ebenso, wenn man schon beim Gedanken an eine bücherfreie Zeit Schweißausbrüche bekommt.
Ja, ich bekenne: ich habe so manche Bahnstation versäumt, weil ich zwischen zwei Pappdeckeln verloren ging.
In Buchgeschäften erkenne ich andere Süchtige an diesem gewissen Wahnsinn in den Augen beim Durchstöbern der Neuerscheinungen,
an den zärtlichen Berührungen, Hände, die wie zufällig über Buchrücken streicheln;den angewiderten Blick, der zu eingeschweißten Exponaten geworfen wird.
Gibt es etwas schöneres, als ein niegelnagelneues Buch aufzuschlagen?
Den Geruch eines jungfräulichen Buches tief in sich einhauchend hinabzutauchen in eine Geschichte; sich hingebungsvoll zwischen den Zeilen zu verlieren.

Das Problem ist nur: Es geht nicht mehr ohne Lesebrille.
Sehr ärgerlich.
Sehr lästig.
Sehr dämlich anzusehen.
Ich kenne niemanden, dem so ein Ding steht.
Immer sitzt sie falsch, oder ist unauffindbar- von hoffnungslos verschmutzt ganz zu schweigen.
Und hilflos fühlt man sich auch, ausgeliefert.
Und wehe, man vergisst sie!
Dann geht gar nichts mehr.
Vollkommen verzweifelt stand ich neulich abends an einer Bushaltestelle.
Versuchte den Fahrplan zu entziffern
Ohne Lesebrille.
Kein Mensch weit und breit.
Niemand, der mir seine Lesehilfe reichte, oder mir sogar den Plan vorlas.

Musste dann laufen...

So weit ist es also gekommen.
Man fragt sich schon, ob das die Folge der Lesesucht ist.
Sowas wie ne Leberzirrhose.
Halt die Krankheit der Leseratten.

Apropos Ratten-
Ich habe gerade ein wunderbares, ausgesprochen poetisches Buch über eine Ratte gelesen.
Ne echte Ratte.
Eine, die in einer Buchhandlung zur Welt kommt und sich nach und nach durch die gesamte Weltliteratur liest.
Sehr zu empfehlen.
FIRMIN- EIN RATTENLEBEN
von Sam Savage

viel Freude beim Abtauchen...

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