Mittwoch, 23. Dezember 2009
Klosterleben
Mein Papa war Hausmeister in einem Ursulinenkloster.
Mit dazugehörendem Internat und Schule.
Natürlich nur für Mädels.
In 13 klosternahen Jahren erlebt man so einiges.
Kurioses, Berührendes und Seltsames.
Besonders als Kind gab es für mich nichts Schöneres, als stundenlang im Kloster rumzuschwirren.
Es gab Schwestern, die liebte ich aufrichtig, es gab welche, die ich einfach nur fürchtete.
Der Altersdurchschnitt der Damen lag bei 89,3 Jahren.
Meine Mutter behauptete immer, dass ihr hohes Alter darauf zurückzuführen sei, dass die Nonnen sich nicht mit Männern herumärgern müssten.
Das schien mir doch sehr erstrebenswert.
Wer will schon wegen Männerärger früh sterben?
Drum beschloss ich im zarten Alter von Sieben, ebenfalls ins Kloster zu gehen.
Täglich machte ich meine Beobachtungsrunde.
Erst gings durch die langen Flure, in denen so eine Stille herrschte, dass auch ich nur ehrfürchtig dahinglitt, und im Geheimen den ehrwürdigen Schritt der Oberin übte.
Mein erster Halt war stets im Bügelzimmer.
Jahrein- Jahraus saßen da zwei Schwestern und erfüllten demütig ihre Pflicht.
Fürs ganze Kloster Wäsche waschen, bügeln und falten.
Immer die gleichen Handreichungen.
Welch meditative Arbeit.
Und sie schienen wirklich zufrieden mit ihrer Aufgabe.
Selbst die dicke Perserkatze, die auf dem Wäscheberg thronte, gähnte täglich auf die gleiche Art.
Weiter gings zur Pforte.
Dort überwachte Schwester Majella streng die Besucher, die ins Kloster oder zu den Mädels ins Internat wollten.
Telefonate wurden mitgehört, Briefe gelesen - notfalls unter heißem Dampf geöffnet - Besucher unter die Lupe genommen.
Manchmal bekam ich kleine Dedektivaufträge von ihr übertragen.
Eine Schwester war für den Müll zuständig.
Diese Aufgabe nahm sie sehr ernst.
Ich glaube fast, dass sie die Erfinderin der Mülltrennung war.
Denn täglich kontrollierte sie die Abfalleimer des Klosters, der Schule und des Internats.
Vor der Turnhalle standen zwei gigantisch große Müllcontainer.
Beim Durchwühlen selbiger hatte sie eines Tages das Übergewicht verloren.
Als ich am Container vorbeikam, schauten da zwei schwarzbestrumpfte Beine, die in Schnürstiefeln steckten, hervor.
Ein dumpfes Hilferufen war zu vernehmen.
Mein Papa hat sie dann gerettet.
Dann gab es eine Nonne, die mich drei mal die Woche damit beauftragte ihr etwas zu besorgen.
Kloster Frau Melissen Geist.
Für ihre schwachen Nerven.
"Kindlein, Gott wirds dir vergelten."
Und dann setzte sie stets das Fläschen vor meinen Augen an ihre Lippen.
Der seelige Ausdruck, der sich dann auf ihrem Gesicht breit machte, den werde ich wohl nie vergessen.
Am eindrucksvollsten aber war Weihnachten im Kloster.
Denn wir hatten die ehrenvolle Aufgabe für die Weihnachtsstimmung zu sorgen.
So als Familie.
Los gings mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche.
Eigentlich gings schon Stunden vorher los.
Weil keiner aus unserer Familie so rechte Lust auf die Klosterweihnacht hatte.
Außer mir.
Aber wenn wir dann gemeinsam mit den Schwestern in der Kirche saßen, und die ersten Orgelklänge anschwollen, dann wars doch schön.
Oft schön schräg.
Mein Papa war stets der Erste, der einschlief.
Laut schnarchend.
Dicht gefolgt von Schwester Germana.
Dann kamen auf Platz 3 und 4 die Bügelschwestern.
Am Ende dieser Messen waren die Oberin und ich so ziemlich die einzig wachen.
Und sie zwinkerte mir dann immer zu.
Ertönte die Orgel mit "Stille Nacht", dann erwachten wieder alle.
Und waren sich einig darüber, dass es mal wieder eine schöne Weihnachtsmesse war.
Im Anschlss gings ins Refektorium zur Bescherung.
Allerdings bekamen nur mein Brüderchen und ich ein Geschenk.
Stets ein Kreuz, Rosenkranz, christliches Büchlein.
Und stets mussten wir uns wahnsinnig freuen.
Und zwar nicht mit dieser inwendigen Freude, nein, die Schwester wollten gerne wilde Kinderfreude erleben.
Und um uns herum standen dann mit erwartungsvollen Augen an die 25 Nonnen.
Und die wollten nur eines sehen:
Tränen der Rührung und der Dankbarkeit, ob der schönen Geschenke.
Wir taten unser Bestes.
Waren wir gut, so wurden wir prompt belohnt.
Nämlich mit Tränen der Rührung und Dankbarkeit seitens der Schwestern.
Nein, wir haben nicht gelogen.
Wir wollten sie einfach nur glücklich machen.
Es war schließlich Heilig Abend.
Hatten wir dies überstanden, gings zu Tisch.
Stets auch da die gleiche Aufschnittplatte.
Garniert mit Petersilie und Ei.
Hin und wieder gabs auch ein Süppchen vorneweg.
Jede Schwester bekam zur Feier des Tages ein halbes Glas Bier.
Und gerade dann, wenns endlich locker und lustig wurde, und die ersten Schwestern mit roten Wangen heimlich nachschenkten, da erhob sich die Superiorin mit den Worten:"Jetzt haben wir aber genug gefeiert. Unsere lieben Gäste sind müde.Wir wollen uns nun zurückziehen."
Das wars dann wieder für ein Jahr mit dem Rumgefeiere.
Schade, ich weiß gar nicht mehr, zu welchem Zeitpunkt ich meine Klosterkarriere aufgab - zu Gunsten des Männerrumärgerns.
Wieviele Jahre ich wohl mit kontemplativen Bügeln gewonnen hätte?
Montag, 21. Dezember 2009
Umzüge
In meinem bisherigen Leben bin ich ca. 17 mal umgezogen.
Nicht jeder Umzug war lustig.
Und ich mag auch nicht an jeden zurück denken.
Aber einer bleibt mir stets in lebendiger Erinnerung.
Mein Umzug von Freiburg nach Düsseldorf.
Bei einem Besuch bei meinem lieben Brüderlein beschloss ich kurzerhand ebenfalls nach Düsseldorf zu ziehen.
Ich vermisste ihn schmerzlichst, außerdem tut so ein kleiner Ortswechsel eh gut.
Damals war es noch einfach eine Wohnung zu finden.
Nach 2 Tagen stand ich da mit unterschriebenem Mietvertrag.
Der Umzug sollte 3 Wochen später von statten gehen.
Was war es doch geradezu spielerisch leicht den Krempel für nur eine Person zu verpacken.
Ich fing drum auch erst am selben Tag mit dem Packen an.
Und mietete einen Kleintransporter.
Mit Freunden gestalteten wir das Ganze zu nem richtigen Event.
Ner Umzugsparty.
Ich wohnte ganz romantisch im 6. Stockwerk.
Altbau.
WG.
Ohne Aufzug.
Einer meiner Helfer kam auf die grandiose Idee alles ab zuseilen.
Die Dinge, die dabei kaputt gingen, nun ja: Schicksal.
Eine Übungsmöglichkeit, sich von Überflüssigem zu trennen...
Trotzdem war der Transporter leider zu klein für meine Habseligkeiten.
Sodass ich mich im letzten Moment auch noch von meinem Bett trennte.
Ich ließ es einfach am Straßenrand stehen.
Wer braucht schon ein Bett?
Spießiger Kleinkram.
(Monatelang schlief ich dann auf ner defekten Luftmatratze.2 mal in der Nacht musste man nachpumpen.)
Gemeinsam mit meiner allerliebsten Renate und anderen Freunden gings dann Richtung Rheinland.
Den Transporter fuhr Eric.
Mein dauercooler "Bekannte" aus Guadeloupe.
Der durch nichts aus der Ruhe zu bringen war.
Dank seines genialen Geheimtipps den jeweiligen Morgen mit nem dicken Joint zu begrüßen, nahm er das Leben gelassen.
Er hatte alle Zeit der Welt.
Und nahm mich hin- und wieder zu seinem Freund Momo nach Mulhouse mit.
Dies waren stets amüsante Nächte,
die Jungs kochten jedesmal gigantische Fischeintöpfe.
Karibische Familienrezepte.
Das wirklich faszinierende war Momos Küche, in der sich diese Kochevents abspielten.
Er hatte statt eines Abfalleimers eine Abfallecke.
Dort schmiss er einfach alles hin.
Fischköpfe, Papier, Dosen, Post von der Abschiebebehörde.
Mein Hund liebt Momo und seine Küche, und während die Jungs dann bis in den Morgengrauen zugedröhnt Memorie spielten, und dabei gekonnt den einen oder anderen Fischkopf in die dafür vorgesehene Ecke schmissen, durchwühlte mein Hund die Küche.
Weiß gar nicht mehr so Recht was ich tat.
Was Eric arbeitete, weiß ich auch nicht mehr zu sagen.
Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich einmal mit laufendem Motor vor nem französischen Supermarkt auf ihn warten sollte.
Es war das Auto meines Papas.
Und der mochte es gar nicht, wenn man unnötigerweise den Motor laufen ließ.
Eric kam nach ein paar Minuten recht schnell wieder heraus.
Also schnell für seine Verhältnisse.
Und ich dachte kurz darüber nach, an was mich diese Situation erinnerte.
Bonnie und Clyde?
Wahrscheinlich ging mal wieder die Phantasie mit mir durch.
Sicher wollte er nur schnell heim zu Momo die Küche aufräumen...
Ja, und Eric fuhr also nun meinen Umzugswagen.
Ausgepackt waren die Siebensachen in Düsseldorf schnell.
Gemeinsam mit meiner liebsten Renate und ihrer Schwester wollten wir nämlich direkt weiter nach Hamburg.
"Cats" anschauen.
Eric sollte drum auch den geliehenen Wagen schnellstmöglichst zurück nach Freiburg bringen.
In Hamburg angekommen brauchten wir erstmal ein Hotel.
Und zwar ein Preiswertes.
Sehr preiswert.
Der freundliche Herr am Hafen empfahl uns dann auch eines.
Ein kleines, schnuckeliges Hotel in der Hafenstraße.
Und preiswert war es denn wirklich.
Unter dem Hotel lag eine dazugehörige Kneipe.
Als wir eincheckten lagen Hotel und Kneipe noch im Dämmerschlaf, doch bereits 2 Stunden später glaubten wir unseren Augen nicht zu trauen.
Wir waren in einem echten Stundenhotel gelandet.
Das merkten sogar wir Schwarzwaldmädels.
Aus irgendeinem Grund hat uns die Crew des Hotels ins Herz geschlossen.
Wahrscheinlich weil wir so naiv in die Welt schauten.
Wir sind dann auch gleich 3 Tage geblieben und haben Studien betrieben.
Haben aufm Klo der melancholischen Rosi Berge von Tempos gereicht und uns ihre Lebensgeschichte angehört.
Haben uns mit 2 Matrosen angefreundet, die ihre feste Bleibe in dem Schuppen hatten.
Wenn sie nach Monaten auf See nach Hamburg kamen.
Haben ne Menge gelernt über die christliche Seefahrt, und unglaubliche Geschichten über die 7 Meere gehört.
Ob Seemannsgarn oder nicht - wir waren fasziniert.
Wurden wir blöd angebaggert standen Hänschen und Kurt zur Stelle.
Nachts sind wir vor dem Schlafengehen wie die Wahnsinnigen auf unserer Matratze rumgehopst, um dem Lärmpegel der um uns herumliegenden Zimmer was entgegenzusetzen.
Es war wie im Film.
Und zwar in ner Billigproduktion.
Zuhälter sahen wirklich aus wie Zuhälter.
Also so, wie man sie aus dem Film kennt.
Schmierige Haare, dicke Schlitten, Ledermäntel, Kampfhund.
Die Mädels waren auch zu erkennen.
Und sie waren verdammt nett zu uns.
Wir Schwarzwaldmädels waren einfach so gar keine ernstzunehmende Konkurrenz.
Wollten wir ja auch nicht.
Brutal aus dieser Idylle herausgerissen hat mich nur der Anruf bei meiner Autofirma.
Eric war nämlich nie mit dem Auto in Freiburg angekommen.
Als ich ihn dann endlich Tage später erreichte, meinte er auch nur ganz cool."Ich war in Marseille, Baby, da hab ich nen Freund. Wo ist das Problem?"
Naja, auf die 300 Mark kams ja wirklich nicht an.
Immer cool bleiben.
Dafür hatten wir ja ein billiges Hotel gefunden.
Und die Versicherung von Hänschen und Freunden, dass sie uns von nun an überall auf der Welt zur Seite stünden.
Ein Anruf würde genügen.
Und das ist doch wohl was wert!
Nicht jeder Umzug war lustig.
Und ich mag auch nicht an jeden zurück denken.
Aber einer bleibt mir stets in lebendiger Erinnerung.
Mein Umzug von Freiburg nach Düsseldorf.
Bei einem Besuch bei meinem lieben Brüderlein beschloss ich kurzerhand ebenfalls nach Düsseldorf zu ziehen.
Ich vermisste ihn schmerzlichst, außerdem tut so ein kleiner Ortswechsel eh gut.
Damals war es noch einfach eine Wohnung zu finden.
Nach 2 Tagen stand ich da mit unterschriebenem Mietvertrag.
Der Umzug sollte 3 Wochen später von statten gehen.
Was war es doch geradezu spielerisch leicht den Krempel für nur eine Person zu verpacken.
Ich fing drum auch erst am selben Tag mit dem Packen an.
Und mietete einen Kleintransporter.
Mit Freunden gestalteten wir das Ganze zu nem richtigen Event.
Ner Umzugsparty.
Ich wohnte ganz romantisch im 6. Stockwerk.
Altbau.
WG.
Ohne Aufzug.
Einer meiner Helfer kam auf die grandiose Idee alles ab zuseilen.
Die Dinge, die dabei kaputt gingen, nun ja: Schicksal.
Eine Übungsmöglichkeit, sich von Überflüssigem zu trennen...
Trotzdem war der Transporter leider zu klein für meine Habseligkeiten.
Sodass ich mich im letzten Moment auch noch von meinem Bett trennte.
Ich ließ es einfach am Straßenrand stehen.
Wer braucht schon ein Bett?
Spießiger Kleinkram.
(Monatelang schlief ich dann auf ner defekten Luftmatratze.2 mal in der Nacht musste man nachpumpen.)
Gemeinsam mit meiner allerliebsten Renate und anderen Freunden gings dann Richtung Rheinland.
Den Transporter fuhr Eric.
Mein dauercooler "Bekannte" aus Guadeloupe.
Der durch nichts aus der Ruhe zu bringen war.
Dank seines genialen Geheimtipps den jeweiligen Morgen mit nem dicken Joint zu begrüßen, nahm er das Leben gelassen.
Er hatte alle Zeit der Welt.
Und nahm mich hin- und wieder zu seinem Freund Momo nach Mulhouse mit.
Dies waren stets amüsante Nächte,
die Jungs kochten jedesmal gigantische Fischeintöpfe.
Karibische Familienrezepte.
Das wirklich faszinierende war Momos Küche, in der sich diese Kochevents abspielten.
Er hatte statt eines Abfalleimers eine Abfallecke.
Dort schmiss er einfach alles hin.
Fischköpfe, Papier, Dosen, Post von der Abschiebebehörde.
Mein Hund liebt Momo und seine Küche, und während die Jungs dann bis in den Morgengrauen zugedröhnt Memorie spielten, und dabei gekonnt den einen oder anderen Fischkopf in die dafür vorgesehene Ecke schmissen, durchwühlte mein Hund die Küche.
Weiß gar nicht mehr so Recht was ich tat.
Was Eric arbeitete, weiß ich auch nicht mehr zu sagen.
Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich einmal mit laufendem Motor vor nem französischen Supermarkt auf ihn warten sollte.
Es war das Auto meines Papas.
Und der mochte es gar nicht, wenn man unnötigerweise den Motor laufen ließ.
Eric kam nach ein paar Minuten recht schnell wieder heraus.
Also schnell für seine Verhältnisse.
Und ich dachte kurz darüber nach, an was mich diese Situation erinnerte.
Bonnie und Clyde?
Wahrscheinlich ging mal wieder die Phantasie mit mir durch.
Sicher wollte er nur schnell heim zu Momo die Küche aufräumen...
Ja, und Eric fuhr also nun meinen Umzugswagen.
Ausgepackt waren die Siebensachen in Düsseldorf schnell.
Gemeinsam mit meiner liebsten Renate und ihrer Schwester wollten wir nämlich direkt weiter nach Hamburg.
"Cats" anschauen.
Eric sollte drum auch den geliehenen Wagen schnellstmöglichst zurück nach Freiburg bringen.
In Hamburg angekommen brauchten wir erstmal ein Hotel.
Und zwar ein Preiswertes.
Sehr preiswert.
Der freundliche Herr am Hafen empfahl uns dann auch eines.
Ein kleines, schnuckeliges Hotel in der Hafenstraße.
Und preiswert war es denn wirklich.
Unter dem Hotel lag eine dazugehörige Kneipe.
Als wir eincheckten lagen Hotel und Kneipe noch im Dämmerschlaf, doch bereits 2 Stunden später glaubten wir unseren Augen nicht zu trauen.
Wir waren in einem echten Stundenhotel gelandet.
Das merkten sogar wir Schwarzwaldmädels.
Aus irgendeinem Grund hat uns die Crew des Hotels ins Herz geschlossen.
Wahrscheinlich weil wir so naiv in die Welt schauten.
Wir sind dann auch gleich 3 Tage geblieben und haben Studien betrieben.
Haben aufm Klo der melancholischen Rosi Berge von Tempos gereicht und uns ihre Lebensgeschichte angehört.
Haben uns mit 2 Matrosen angefreundet, die ihre feste Bleibe in dem Schuppen hatten.
Wenn sie nach Monaten auf See nach Hamburg kamen.
Haben ne Menge gelernt über die christliche Seefahrt, und unglaubliche Geschichten über die 7 Meere gehört.
Ob Seemannsgarn oder nicht - wir waren fasziniert.
Wurden wir blöd angebaggert standen Hänschen und Kurt zur Stelle.
Nachts sind wir vor dem Schlafengehen wie die Wahnsinnigen auf unserer Matratze rumgehopst, um dem Lärmpegel der um uns herumliegenden Zimmer was entgegenzusetzen.
Es war wie im Film.
Und zwar in ner Billigproduktion.
Zuhälter sahen wirklich aus wie Zuhälter.
Also so, wie man sie aus dem Film kennt.
Schmierige Haare, dicke Schlitten, Ledermäntel, Kampfhund.
Die Mädels waren auch zu erkennen.
Und sie waren verdammt nett zu uns.
Wir Schwarzwaldmädels waren einfach so gar keine ernstzunehmende Konkurrenz.
Wollten wir ja auch nicht.
Brutal aus dieser Idylle herausgerissen hat mich nur der Anruf bei meiner Autofirma.
Eric war nämlich nie mit dem Auto in Freiburg angekommen.
Als ich ihn dann endlich Tage später erreichte, meinte er auch nur ganz cool."Ich war in Marseille, Baby, da hab ich nen Freund. Wo ist das Problem?"
Naja, auf die 300 Mark kams ja wirklich nicht an.
Immer cool bleiben.
Dafür hatten wir ja ein billiges Hotel gefunden.
Und die Versicherung von Hänschen und Freunden, dass sie uns von nun an überall auf der Welt zur Seite stünden.
Ein Anruf würde genügen.
Und das ist doch wohl was wert!
Heiratsanträge
Im Laufe des Lebens bekommt man ja den einen oder anderen Heiratsantrag.
Und dies ist stets ein romantisches, oder aber zutiefst schockierendes Ereignis.
Meinen ersten Antrag bekam ich im zarten Alter von 4 Jahren.
Von Eusebion Fernandez.
Meinem Kindergartenfreund.
Wir waren beide frisch zugezogen.
Hatten beide Mühe mit der Sprache- er kam aus Indien und ich aus dem 30 Km entfernten Schwarzwald.
Wir wurden beide nicht verstanden.
Von den anderen.
Und zwar nicht nur auf verbaler Ebene.
Aber wir, wir liebten uns auf den ersten Blick.
Eusebion durfte nachmittags mit mir spielen.
Und in seiner weiten Hose hatte er einen großen Wecker stecken.
Dieser klingelte stets um 17 Uhr.
Sein Zeichen für den Aufbruch.
Laut, schrill und unwiderruflich zerstörte der Wecker unser Spiel.
Um diesem Geräusch zu entkommen war eine Hochzeit doch der schnellste und beste Weg.
Dies schlug Eusebion dann auch eines Tages strahlend vor.
Ich willigte ebenso strahlend sofort ein.
Unsere Eltern wollten aber nicht.
Zu groß erschien ihnen der kulturelle Unterschied.
Schade.
Den nächsten Antrag bekam ich von Frank Triller.
2. Klasse.
Wir hatten den gleichen Schulweg.
Und das gleiche schneckenartige und verträumte Tempo.
Und die gleichen Interessen.
Das sind gute Voraussetzungen für eine glückliche Ehe.
Wir liebten es, uns gegenseitig in dem gigantischen Sandberg einzugraben, der sich am Rande einer Baustelle befand, an der wir täglich 2 mal vorbei mussten.
Keiner hat mich jemals wieder so liebevoll in Sand gehüllt wie Frank.
Und als ich dann eines Tages wieder bis zum Hals in der Sandgrube hing, da fragte er mich.
Ob ich bis zum Ende meines Lebens mit ihm sandeln wolle.
Ich bin ihm noch heute die Antwort schuldig.
Was war ich doch feige.
Meine nächste Liebe bot mir mit 12 die Ehe an - mit einem einzigen, kleinen Zugeständnis meinerseits.
Ich sollte von Französisch zu Latein wechseln.
Denn schließlich wusste jeder, dass die Französisch Wählenden eindeutig dümmer seien, als die Lateiner.
Und er wollte unsere Ehe nicht mit solch einem Geschwätz hinter unseren Rücken belasten.
Und auch nicht mit der Frage:Ist sie wirklich nicht klug genug für Latein?
Ich blieb bei Französisch.
Was mein Glück war.
Dadurch verstand ich nämlich den nächsten Heiratswütigen.
Nach Jahren des Wartens bekam ich mit 15 Jahren den nächsten Heiratsantrag.
Von dem Bürgermeister eines kleinen elsässischen Dorfes.
14. Juli.
Nationalfeiertag.
Im Laufe der Feierlichkeiten fand ich mich überraschender Weise auf seinem Schoss wieder.
Und mit seinem unvergleichlichen Humor brachte er mich so zum Lachen, dass- naja- es buchstäblich in die Hose ging.
In meine.
Und was wünscht man sich als Mann mehr!
Eine Frau, die aus ganzem Herzen über schlecht gemachte Witze lacht.
Sein Antrag war mit einigem zeitlichen und organisatorischem Aufwand verbunden, ich sollte erstmal noch warten, bis er geschieden sei.
Aber dann würde er mich Tag und Nacht zum Lachen bringen...
Auf einer Ferienreise nach Frankreich, an die schöne Dordogne, lernte ich mit 17 Alfred kennen.
Einen 83 jährigen Franzosen, der genauso aussah, wie der Großvater bei den Waltons.
Großgewachsen, Cordhose mit Hosenträger, treuer Hund an seiner Seite, schlohweißes Haar.
Er nahm uns zum Angeln mit und reichte uns selbstgebraute Limonade.
Wohnte an einem verwunschenen See und beim Abschied weinte ich.
Weils halt so schön war.
Alfred hat mein Weinen allerdings missverstanden.
3 Wochen später klingelte es an der heimischen Haustür.
"C'est moi. Alfred."
Der Gute kam die 4 Stockwerke hoch, nahm mich in die Arme(gleichzeitig klatschte er mir auf den Po), verbeugte sich vor meinen Eltern und bat um meine Hand.
Formvollendet.
Am Todesbett seiner Frau habe er ihr versprochen noch einmal eine Frau glücklich zu machen.
Und seine Wahl sei auf mich gefallen.
Um meinen Eltern zu beweisen, wie ernst er es meinte, holte er aus seinem Mantel einen Bündel Dollarscheine.
Jeweils 10 zusammen geheftet.
Dann gabs da noch einen Bündel mit Schweizer Franken.
Rubel waren auch im Spiel.
Meine Eltern waren sprachlos.
Ich auch.
Alfred beteuerte noch, dass er durchaus auf allen Ebenen in der Lage sei eine Frau glücklich zu machen.
Dabei zwinkerte er meinem Vater zu.
Der mich dann böse anfunkelte.
Alfred blieb 2 Wochen.
Meine Eltern konnten sich nicht gegen ihn durchsetzen.
Ein starker Mann.
Ein Mann der Tat.
Ich war in der Zeit kaum zu Hause.
Alfred ging mit den Worten:"Ich kann warten, Cherie."
Dann gab es da einen afrikanischen Freund.
Der einfach nicht locker ließ.
Allah hat ihm nämlich zu dem Schritt geraten.
Es ging dabei um meine Rettung.
Dass ich durch die Heirat mit ihm die Chance auf einen Platz im Himmel bekäme.
Es ging nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung für ihn.
Nein.
Was für ein Gedanke.
Nein, es sei einfach das allerbeste für mich.
Als sichere Aufenthaltsgenehmigung für den Himmel.
Außerdem bräuchte ich nicht mal mit zur Feier und dem Ritual.
Als Nichtmuslima bräuchte ich einfach nur ja zu sagen.
Von zu Hause aus.
Wow. Wie praktisch.
Von Zeit zu Zeit schneit er immer noch bei uns rein.
Und obwohl er inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, kommt das Thema Heirat trotzdem auf den Tisch.
Und zwar an dritter Stelle.
1."Warum kochst du so schlecht? Du bist doch eine Frau!"
2."Ich hab die richtige Zahlenkombination für den Lotto-Jackpot geträumt.
Allah hat dich ausgewählt, mir das Geld für den Schein zu leihen."
3."Wann heiratest du mich endlich?"
Ja, und seit Wochen steht mein Fahrrad kaputt an der Straße.
Weil ich mich nicht mehr in die Fahrradwerkstatt traue.
Der dort jobbende, freischaffende Künstler, mit dem ich ein wenig geplaudert habe - wirklich nicht mehr, der lud mich unlängst zu unserem Portugiesen ein. Nur auf ein Weinchen.
Um es kurz zu machen.
Er hatte beschlossen, mich zu heiraten.
Auch er dachte dabei nur an mich.
Er käme ja bald in Rente, und da wärs doch blöd, die Rente nur für sich zu gebrauchen.
Außerdem, wenn er stürbe, dann hätte ich auch was davon.
Wir könnten direkt morgen zum Standesamt.
Er hatte sich schon mal erkundigt...
Dann zeigte er mir ein beglaubigtes Gesundheitszeugnis.
Mit Stempel.
Ich taumelte zur Tür hinaus.
Seit dem steht mein Fahrrad an der Straße.
Kaputt.
Dann gibt es dann noch ein paar nicht wirklich ernstgemeinte Anträge, wie zum Beispiel von einem kleinen Jungen, dem ich des öfteren vorgelesen habe,und der sich wünschte eine Frau zu heiraten die ihm bis an sein Lebensende in den Schlaf las - Meinem Erstgeborenen, der vorschlug, dass Papa ja auch nett in nem eigenen Appartement wohnen könne, und er sowieso besser Memorie spiele, als Papa.
Der Antrag von dem netten Berber in Tunesien, der mir anbot mit ihm gemeinsam durch die Welt zu reiten und mir neue, schönere Kinder machen wollte.
Oder der Antrag eines Obdachlosen, mit dem ich einfach nur ein Bier trank...
Wirklich spannend ist die Frage, was geworden wäre,wenn ich die jeweiligen Anträge angenommen hätte.
Würde ich in Frankreich leben,mit Alfred, der inzwischen mit seinen über 100 Jahren mich sicher immer noch glücklich machen würde?
Wäre ich in Tunesien mit Ali und unseren 8 Kindern am richtigeren Platz?
Oder in Afrika?
Vielleicht hätte ich da ein Restaurant mit gut-bürgerlicher deutscher Küche.
Weit weg von der Heimat weiß ja niemand, wie es schmecken soll...
Würde ich mich noch immer mit Frank durch die Sandkästen der Welt wühlen?
Wäre ich glücklich, unglücklich, glücklicher, unglücklicher?
Aber eines weiß ich: Ich habe mich stets bei jedem Heiratsantrag geehrt gefühlt, und auch immer ernsthaft darüber nachgedacht.
Und dies ist stets ein romantisches, oder aber zutiefst schockierendes Ereignis.
Meinen ersten Antrag bekam ich im zarten Alter von 4 Jahren.
Von Eusebion Fernandez.
Meinem Kindergartenfreund.
Wir waren beide frisch zugezogen.
Hatten beide Mühe mit der Sprache- er kam aus Indien und ich aus dem 30 Km entfernten Schwarzwald.
Wir wurden beide nicht verstanden.
Von den anderen.
Und zwar nicht nur auf verbaler Ebene.
Aber wir, wir liebten uns auf den ersten Blick.
Eusebion durfte nachmittags mit mir spielen.
Und in seiner weiten Hose hatte er einen großen Wecker stecken.
Dieser klingelte stets um 17 Uhr.
Sein Zeichen für den Aufbruch.
Laut, schrill und unwiderruflich zerstörte der Wecker unser Spiel.
Um diesem Geräusch zu entkommen war eine Hochzeit doch der schnellste und beste Weg.
Dies schlug Eusebion dann auch eines Tages strahlend vor.
Ich willigte ebenso strahlend sofort ein.
Unsere Eltern wollten aber nicht.
Zu groß erschien ihnen der kulturelle Unterschied.
Schade.
Den nächsten Antrag bekam ich von Frank Triller.
2. Klasse.
Wir hatten den gleichen Schulweg.
Und das gleiche schneckenartige und verträumte Tempo.
Und die gleichen Interessen.
Das sind gute Voraussetzungen für eine glückliche Ehe.
Wir liebten es, uns gegenseitig in dem gigantischen Sandberg einzugraben, der sich am Rande einer Baustelle befand, an der wir täglich 2 mal vorbei mussten.
Keiner hat mich jemals wieder so liebevoll in Sand gehüllt wie Frank.
Und als ich dann eines Tages wieder bis zum Hals in der Sandgrube hing, da fragte er mich.
Ob ich bis zum Ende meines Lebens mit ihm sandeln wolle.
Ich bin ihm noch heute die Antwort schuldig.
Was war ich doch feige.
Meine nächste Liebe bot mir mit 12 die Ehe an - mit einem einzigen, kleinen Zugeständnis meinerseits.
Ich sollte von Französisch zu Latein wechseln.
Denn schließlich wusste jeder, dass die Französisch Wählenden eindeutig dümmer seien, als die Lateiner.
Und er wollte unsere Ehe nicht mit solch einem Geschwätz hinter unseren Rücken belasten.
Und auch nicht mit der Frage:Ist sie wirklich nicht klug genug für Latein?
Ich blieb bei Französisch.
Was mein Glück war.
Dadurch verstand ich nämlich den nächsten Heiratswütigen.
Nach Jahren des Wartens bekam ich mit 15 Jahren den nächsten Heiratsantrag.
Von dem Bürgermeister eines kleinen elsässischen Dorfes.
14. Juli.
Nationalfeiertag.
Im Laufe der Feierlichkeiten fand ich mich überraschender Weise auf seinem Schoss wieder.
Und mit seinem unvergleichlichen Humor brachte er mich so zum Lachen, dass- naja- es buchstäblich in die Hose ging.
In meine.
Und was wünscht man sich als Mann mehr!
Eine Frau, die aus ganzem Herzen über schlecht gemachte Witze lacht.
Sein Antrag war mit einigem zeitlichen und organisatorischem Aufwand verbunden, ich sollte erstmal noch warten, bis er geschieden sei.
Aber dann würde er mich Tag und Nacht zum Lachen bringen...
Auf einer Ferienreise nach Frankreich, an die schöne Dordogne, lernte ich mit 17 Alfred kennen.
Einen 83 jährigen Franzosen, der genauso aussah, wie der Großvater bei den Waltons.
Großgewachsen, Cordhose mit Hosenträger, treuer Hund an seiner Seite, schlohweißes Haar.
Er nahm uns zum Angeln mit und reichte uns selbstgebraute Limonade.
Wohnte an einem verwunschenen See und beim Abschied weinte ich.
Weils halt so schön war.
Alfred hat mein Weinen allerdings missverstanden.
3 Wochen später klingelte es an der heimischen Haustür.
"C'est moi. Alfred."
Der Gute kam die 4 Stockwerke hoch, nahm mich in die Arme(gleichzeitig klatschte er mir auf den Po), verbeugte sich vor meinen Eltern und bat um meine Hand.
Formvollendet.
Am Todesbett seiner Frau habe er ihr versprochen noch einmal eine Frau glücklich zu machen.
Und seine Wahl sei auf mich gefallen.
Um meinen Eltern zu beweisen, wie ernst er es meinte, holte er aus seinem Mantel einen Bündel Dollarscheine.
Jeweils 10 zusammen geheftet.
Dann gabs da noch einen Bündel mit Schweizer Franken.
Rubel waren auch im Spiel.
Meine Eltern waren sprachlos.
Ich auch.
Alfred beteuerte noch, dass er durchaus auf allen Ebenen in der Lage sei eine Frau glücklich zu machen.
Dabei zwinkerte er meinem Vater zu.
Der mich dann böse anfunkelte.
Alfred blieb 2 Wochen.
Meine Eltern konnten sich nicht gegen ihn durchsetzen.
Ein starker Mann.
Ein Mann der Tat.
Ich war in der Zeit kaum zu Hause.
Alfred ging mit den Worten:"Ich kann warten, Cherie."
Dann gab es da einen afrikanischen Freund.
Der einfach nicht locker ließ.
Allah hat ihm nämlich zu dem Schritt geraten.
Es ging dabei um meine Rettung.
Dass ich durch die Heirat mit ihm die Chance auf einen Platz im Himmel bekäme.
Es ging nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung für ihn.
Nein.
Was für ein Gedanke.
Nein, es sei einfach das allerbeste für mich.
Als sichere Aufenthaltsgenehmigung für den Himmel.
Außerdem bräuchte ich nicht mal mit zur Feier und dem Ritual.
Als Nichtmuslima bräuchte ich einfach nur ja zu sagen.
Von zu Hause aus.
Wow. Wie praktisch.
Von Zeit zu Zeit schneit er immer noch bei uns rein.
Und obwohl er inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, kommt das Thema Heirat trotzdem auf den Tisch.
Und zwar an dritter Stelle.
1."Warum kochst du so schlecht? Du bist doch eine Frau!"
2."Ich hab die richtige Zahlenkombination für den Lotto-Jackpot geträumt.
Allah hat dich ausgewählt, mir das Geld für den Schein zu leihen."
3."Wann heiratest du mich endlich?"
Ja, und seit Wochen steht mein Fahrrad kaputt an der Straße.
Weil ich mich nicht mehr in die Fahrradwerkstatt traue.
Der dort jobbende, freischaffende Künstler, mit dem ich ein wenig geplaudert habe - wirklich nicht mehr, der lud mich unlängst zu unserem Portugiesen ein. Nur auf ein Weinchen.
Um es kurz zu machen.
Er hatte beschlossen, mich zu heiraten.
Auch er dachte dabei nur an mich.
Er käme ja bald in Rente, und da wärs doch blöd, die Rente nur für sich zu gebrauchen.
Außerdem, wenn er stürbe, dann hätte ich auch was davon.
Wir könnten direkt morgen zum Standesamt.
Er hatte sich schon mal erkundigt...
Dann zeigte er mir ein beglaubigtes Gesundheitszeugnis.
Mit Stempel.
Ich taumelte zur Tür hinaus.
Seit dem steht mein Fahrrad an der Straße.
Kaputt.
Dann gibt es dann noch ein paar nicht wirklich ernstgemeinte Anträge, wie zum Beispiel von einem kleinen Jungen, dem ich des öfteren vorgelesen habe,und der sich wünschte eine Frau zu heiraten die ihm bis an sein Lebensende in den Schlaf las - Meinem Erstgeborenen, der vorschlug, dass Papa ja auch nett in nem eigenen Appartement wohnen könne, und er sowieso besser Memorie spiele, als Papa.
Der Antrag von dem netten Berber in Tunesien, der mir anbot mit ihm gemeinsam durch die Welt zu reiten und mir neue, schönere Kinder machen wollte.
Oder der Antrag eines Obdachlosen, mit dem ich einfach nur ein Bier trank...
Wirklich spannend ist die Frage, was geworden wäre,wenn ich die jeweiligen Anträge angenommen hätte.
Würde ich in Frankreich leben,mit Alfred, der inzwischen mit seinen über 100 Jahren mich sicher immer noch glücklich machen würde?
Wäre ich in Tunesien mit Ali und unseren 8 Kindern am richtigeren Platz?
Oder in Afrika?
Vielleicht hätte ich da ein Restaurant mit gut-bürgerlicher deutscher Küche.
Weit weg von der Heimat weiß ja niemand, wie es schmecken soll...
Würde ich mich noch immer mit Frank durch die Sandkästen der Welt wühlen?
Wäre ich glücklich, unglücklich, glücklicher, unglücklicher?
Aber eines weiß ich: Ich habe mich stets bei jedem Heiratsantrag geehrt gefühlt, und auch immer ernsthaft darüber nachgedacht.
Sonntag, 20. Dezember 2009
Fußball
Mein jüngster Sohn ist Fußballer.
Mit Leib und Seele.
Und Schalke Fan.
Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, dass Fußball eine ernste Sache ist.
Bierernst.
Seit dem von mir herbeigeführten Sieg von Schalke über Wolfsburg(in der alles entscheidenden Verlängerungsminute) habe ich nun auch einen gewissen Zugang zu dieser Sportart.
Es begann damit, dass bei einem Mittelalterfest plötzlich ein gewandeter und grimmig aussehender Mann, in Felle gehüllt und mit nackter Brust, auf meinen Sohn zu kam, und ihn aufforderte:"Schlag ein Kumpel."
Wo rein?
Was wollte dieser Berserker von meinem Kind?
"Schalke für immer."
Ah, jetzt verstand ich.
Mit dem selektiven Blick eines wahren Fußballfans nahm der Typ wahr, dass mein Kleiner ein Schalkeschweißband trug.
Es war nur ein Hauch dieses SchalkeBlaus zu erahnen.
Dies aber reichte für einen Berserker.
"Du, ich hab Jahreskarten fürs Stadion. Soll ich dich mal mitnehmen.
Das Leuchten in den Augen meines Filiuses war selbstredend.
Ja, und da es ein ganz authentischer Mittelaltermarkt war, bei dem es weder Papierservietten, Bierdeckel und ähnliches gab, schrieb der Herr seine Telefonnummer auf nen Fetzen Stoff.
Mit Kohle, oder Blut.
Halt ganz archaisch.
Der Stofffetzen wurde bei uns zu Hause dann an die Wand genagelt.
Und täglich ging dieses gloriöse Strahlen von dem Fetzen aus.
Und täglich streichelte mein Jüngster den Stofffetzen mit Inbrunst.
Und nach einigen Wochen des Weichkochens hatte mein Fußballer mich soweit.
Ich griff zum Hörer und rief den Berserker an.
Zwei Wochen später war es dann soweit.
Er holte uns ab.
Gemeinsam mit noch nem anderen Wahnsinnigen fuhren wir in die Arena Schalke.
Schon ein erhebendes Gefühl, inmitten tausender Fans zu sitzen.
Uns gegenüber waren ein paar einzeln versprengte Wolfsburgfans.
Ein armselig kleines Häufchen.
Und als Wolfsburg dann das erste Tor schoss, da konnte ich nicht anders.
Die Fans und die Spieler brauchten meinen Zuspruch, meine Begeisterung.
Ich sprang auf, und jubelte ihnen zu.
Es schoss nur so aus mir raus.
Wenn ich nicht eine Frau wäre, ich weiß nicht, was man mit mir gemacht hätte.
Mein Sohn riss links an mir:"Peinlich Mama, dich nehm ich nicht mehr mit."
Der Berserker riss rechts an mir.
"Bist du wahnsinnig?"
Und dabei fraß er mich mit seinem Blick fast auf.
Der Typ direkt hinter mir drückte mich wortlos wieder in den Sitz.
Und dann sah es schlecht aus.
Für Schalke und mich.
Wolfsburg führte nämlich.
Und unser Berserker brüllte und johlte und holte sich ein Bier nach dem anderen.
Oje, was, wenn Schalke verlieren würde?
Es gab da ne Verlängerungsminute.
Und in dieser Minute warf ich mich ins Zeug.
Ich flehte Gott an, dass, falls er mich noch auf Erden sehen möchte, Schalke gewinnen lassen solle.
"Bitte lieber Gott, lass Kuranyi ein Tor reinbrettern.Für mich.Ich will fortan auch nie mehr über den Namen Kevin lästern."
Es hat funktioniert.
In allerletzter Sekunde hat Schalke gewonnen.
Durch mich.
Und unser Berserker hat mich bei diesem grandiosen Tor weinend in die Arme gerissen und mir verziehen.
Wenn der wüsste, dass ich das Tor herbeigeführt habe.
Auf der Rückfahrt wurde sein Laune dann aber doch wieder getrübt.
Es war kein eindeutiger Sieg, und überhaupt:Gegen Wolfsburg.
Der Spaß hat mich dann auch über 70 Euro gekostet.
Zwei Plätze auf Schalke, ca. ein knapper Kilometer vom Geschehen entfernt sind halt was wert.
Und jetzt weiß ich endlich, was "Abseits" ist.
Und ein Fallrückzieher.
Und wann man wem zujubeln darf.
Und, dass Gott halt auch im Fußballstadion zu finden ist.
Als Schalkefan.
Mit Leib und Seele.
Und Schalke Fan.
Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, dass Fußball eine ernste Sache ist.
Bierernst.
Seit dem von mir herbeigeführten Sieg von Schalke über Wolfsburg(in der alles entscheidenden Verlängerungsminute) habe ich nun auch einen gewissen Zugang zu dieser Sportart.
Es begann damit, dass bei einem Mittelalterfest plötzlich ein gewandeter und grimmig aussehender Mann, in Felle gehüllt und mit nackter Brust, auf meinen Sohn zu kam, und ihn aufforderte:"Schlag ein Kumpel."
Wo rein?
Was wollte dieser Berserker von meinem Kind?
"Schalke für immer."
Ah, jetzt verstand ich.
Mit dem selektiven Blick eines wahren Fußballfans nahm der Typ wahr, dass mein Kleiner ein Schalkeschweißband trug.
Es war nur ein Hauch dieses SchalkeBlaus zu erahnen.
Dies aber reichte für einen Berserker.
"Du, ich hab Jahreskarten fürs Stadion. Soll ich dich mal mitnehmen.
Das Leuchten in den Augen meines Filiuses war selbstredend.
Ja, und da es ein ganz authentischer Mittelaltermarkt war, bei dem es weder Papierservietten, Bierdeckel und ähnliches gab, schrieb der Herr seine Telefonnummer auf nen Fetzen Stoff.
Mit Kohle, oder Blut.
Halt ganz archaisch.
Der Stofffetzen wurde bei uns zu Hause dann an die Wand genagelt.
Und täglich ging dieses gloriöse Strahlen von dem Fetzen aus.
Und täglich streichelte mein Jüngster den Stofffetzen mit Inbrunst.
Und nach einigen Wochen des Weichkochens hatte mein Fußballer mich soweit.
Ich griff zum Hörer und rief den Berserker an.
Zwei Wochen später war es dann soweit.
Er holte uns ab.
Gemeinsam mit noch nem anderen Wahnsinnigen fuhren wir in die Arena Schalke.
Schon ein erhebendes Gefühl, inmitten tausender Fans zu sitzen.
Uns gegenüber waren ein paar einzeln versprengte Wolfsburgfans.
Ein armselig kleines Häufchen.
Und als Wolfsburg dann das erste Tor schoss, da konnte ich nicht anders.
Die Fans und die Spieler brauchten meinen Zuspruch, meine Begeisterung.
Ich sprang auf, und jubelte ihnen zu.
Es schoss nur so aus mir raus.
Wenn ich nicht eine Frau wäre, ich weiß nicht, was man mit mir gemacht hätte.
Mein Sohn riss links an mir:"Peinlich Mama, dich nehm ich nicht mehr mit."
Der Berserker riss rechts an mir.
"Bist du wahnsinnig?"
Und dabei fraß er mich mit seinem Blick fast auf.
Der Typ direkt hinter mir drückte mich wortlos wieder in den Sitz.
Und dann sah es schlecht aus.
Für Schalke und mich.
Wolfsburg führte nämlich.
Und unser Berserker brüllte und johlte und holte sich ein Bier nach dem anderen.
Oje, was, wenn Schalke verlieren würde?
Es gab da ne Verlängerungsminute.
Und in dieser Minute warf ich mich ins Zeug.
Ich flehte Gott an, dass, falls er mich noch auf Erden sehen möchte, Schalke gewinnen lassen solle.
"Bitte lieber Gott, lass Kuranyi ein Tor reinbrettern.Für mich.Ich will fortan auch nie mehr über den Namen Kevin lästern."
Es hat funktioniert.
In allerletzter Sekunde hat Schalke gewonnen.
Durch mich.
Und unser Berserker hat mich bei diesem grandiosen Tor weinend in die Arme gerissen und mir verziehen.
Wenn der wüsste, dass ich das Tor herbeigeführt habe.
Auf der Rückfahrt wurde sein Laune dann aber doch wieder getrübt.
Es war kein eindeutiger Sieg, und überhaupt:Gegen Wolfsburg.
Der Spaß hat mich dann auch über 70 Euro gekostet.
Zwei Plätze auf Schalke, ca. ein knapper Kilometer vom Geschehen entfernt sind halt was wert.
Und jetzt weiß ich endlich, was "Abseits" ist.
Und ein Fallrückzieher.
Und wann man wem zujubeln darf.
Und, dass Gott halt auch im Fußballstadion zu finden ist.
Als Schalkefan.
Samstag, 19. Dezember 2009
Köln Hauptbahnhof
Ich habe ein echtes Faible für Köln.
Nicht nur die wunderbaren Abende mit meiner lieben Freundin sind eine Reise wert, nicht nur das vielfältige kulturelle Angebot treibt mich regelmäßig dort hin.
Auch nicht nur der Karneval und das Kölsch -
Nein, der Hauptbahnhof hat es mir angetan.
Als reisender Mensch schätze ich Bahnhöfe, stets erwecken sie in mir Reiselust, und ich kann mich nicht genug satt sehen an den Menschenmengen.
An diesem bunten Treiben, Kommen und Gehen.
Diese babylonische Sprachverwirrung, die so charmante durch die zugige Halle fegt, läßt mein Herz höher schlagen.
Aber Schuld an meiner Bahnhofsleidenschaft sind die Süssigkeitenautomaten am Bahnsteig.
Die Läden im Bauche des Bahnhofes.
Die Essensstände.
Coffee to go...
Heute morgen versuchte ich mit der S-Bahn zurück nach Hause zu fahren.
Schneeeinbruch in NRW.
In Köln schneite es nicht nur, sondern der Schnee blieb sogar liegen.
Die umsichtige Bahn AG fuhr also besonders vorsichtig.
Das heißt, sämtliche Bahnen hatten Verspätung.
Den direkten Zusammenhang habe ich nicht verstanden.
Was haben ein paar Schneeflocken mit der planmäßigen Einfahrt einer S-Bahn zu tun?
Ein Grund für mich, wieder in die Bahnhofshalle hinunter zu schlendern.
Erstmal nen Kaffee.
Dann ließ ich mich dazu hinreißen, einen Blick in den Buchladen zu werfen.
Naja, das eine oder andere Weihnachtsgeschenk wollte auch noch besorgt werden.
Und ich bin tatsächlich fündig geworden.
Eine ganze Tüte voller Bücher hat mich hinausbegleiten dürfen.
Leider kein Geschenk dabei.
Schnell zu Gleis 11 gehetzt, meine Bahn fuhr just in diesem Moment von hinnen.
Mist.
Ausgerechnet jetzt fuhr sie planmäßig.
Aber ich hatte ja nun Bücher.
Und Starbucks hatte sicher noch ein Plätzchen für mich.
Diesmal probierte ich so ne Weihnachtsmischung.
Mit Sahne.
Und Kakao.
Sehr lecker.
Und sofort habe ich mich in das zu oberst liegende Buch meiner Tüte versenkt.
Die nächste Bahn fuhr dann auch ohne mich Richtung Neuss.
Naja.
Die belegten Brötchen von Kamps sind so schlecht auch nicht.
Der Cappuccino wärmte wunderbar meine eisigen Hände.
Und: Es kütt wie et kütt.
Davon verstehen die was in Kölle.
Kurzer Blick in den Body Shop geworfen.
Handcremes ausprobiert.
An jeder Hand zwei unterschiedliche.
Jeweils innen und außen.
Kurzes Gespräch mit der netten Verkäuferin und kleine Beratung.
Die dann leider doch so lange war, dass auch die nächste Bahn ohne mich fuhr.
Den nächsten Kaffee nahm ich dann stehend und in Nähe meines Bahnsteiges zu mir.
Zu mir nahm ich auch ein paar Probiererchen aus dem Automaten von Gleis 11.
Wow.
Was die alles haben.
Und dieser herrliche Moment, wenn die Gummibärchen, Schokoriegel, Erdnüsse aus dem Fach geschoben werden.
Da kann ich mich nicht genug dran satt sehen.
Als ich dann endlich in meiner Bahn saß war mir schlecht.
Und zwar richtig.
Der aufmerksame Herr gegenüber von mir schien das auch zu bemerken, denn er hielt mir selbstlos seine Flasche Bier entgegen.
Hab dankend abgelehnt.
Ja, es gibt da grob geschätzt vier Arten von Bahnfahrern.
1. Die, die Bier und ähnliches offen und fröhlich trinken.
2. Die, die dann im Anschluss die leeren Bierflaschen einsammeln.
Von Abteil zu Abteil hetzen und die Papierkörbe leeren.
3. Die, die dabei zusehen.
4. Die, die bei allem wegsehen.
Der Herr erzählte mir dann noch, dass er diese Art von Morgenübelkeit gut kenne, und da wirklich nur ein Bierchen Abhilfe schaffen kann.
Bei mir gibts nur eine Form der Abhilfe: Ich muss nächstes Mal wieder mit dem Auto nach Köln fahren.
Nicht nur die wunderbaren Abende mit meiner lieben Freundin sind eine Reise wert, nicht nur das vielfältige kulturelle Angebot treibt mich regelmäßig dort hin.
Auch nicht nur der Karneval und das Kölsch -
Nein, der Hauptbahnhof hat es mir angetan.
Als reisender Mensch schätze ich Bahnhöfe, stets erwecken sie in mir Reiselust, und ich kann mich nicht genug satt sehen an den Menschenmengen.
An diesem bunten Treiben, Kommen und Gehen.
Diese babylonische Sprachverwirrung, die so charmante durch die zugige Halle fegt, läßt mein Herz höher schlagen.
Aber Schuld an meiner Bahnhofsleidenschaft sind die Süssigkeitenautomaten am Bahnsteig.
Die Läden im Bauche des Bahnhofes.
Die Essensstände.
Coffee to go...
Heute morgen versuchte ich mit der S-Bahn zurück nach Hause zu fahren.
Schneeeinbruch in NRW.
In Köln schneite es nicht nur, sondern der Schnee blieb sogar liegen.
Die umsichtige Bahn AG fuhr also besonders vorsichtig.
Das heißt, sämtliche Bahnen hatten Verspätung.
Den direkten Zusammenhang habe ich nicht verstanden.
Was haben ein paar Schneeflocken mit der planmäßigen Einfahrt einer S-Bahn zu tun?
Ein Grund für mich, wieder in die Bahnhofshalle hinunter zu schlendern.
Erstmal nen Kaffee.
Dann ließ ich mich dazu hinreißen, einen Blick in den Buchladen zu werfen.
Naja, das eine oder andere Weihnachtsgeschenk wollte auch noch besorgt werden.
Und ich bin tatsächlich fündig geworden.
Eine ganze Tüte voller Bücher hat mich hinausbegleiten dürfen.
Leider kein Geschenk dabei.
Schnell zu Gleis 11 gehetzt, meine Bahn fuhr just in diesem Moment von hinnen.
Mist.
Ausgerechnet jetzt fuhr sie planmäßig.
Aber ich hatte ja nun Bücher.
Und Starbucks hatte sicher noch ein Plätzchen für mich.
Diesmal probierte ich so ne Weihnachtsmischung.
Mit Sahne.
Und Kakao.
Sehr lecker.
Und sofort habe ich mich in das zu oberst liegende Buch meiner Tüte versenkt.
Die nächste Bahn fuhr dann auch ohne mich Richtung Neuss.
Naja.
Die belegten Brötchen von Kamps sind so schlecht auch nicht.
Der Cappuccino wärmte wunderbar meine eisigen Hände.
Und: Es kütt wie et kütt.
Davon verstehen die was in Kölle.
Kurzer Blick in den Body Shop geworfen.
Handcremes ausprobiert.
An jeder Hand zwei unterschiedliche.
Jeweils innen und außen.
Kurzes Gespräch mit der netten Verkäuferin und kleine Beratung.
Die dann leider doch so lange war, dass auch die nächste Bahn ohne mich fuhr.
Den nächsten Kaffee nahm ich dann stehend und in Nähe meines Bahnsteiges zu mir.
Zu mir nahm ich auch ein paar Probiererchen aus dem Automaten von Gleis 11.
Wow.
Was die alles haben.
Und dieser herrliche Moment, wenn die Gummibärchen, Schokoriegel, Erdnüsse aus dem Fach geschoben werden.
Da kann ich mich nicht genug dran satt sehen.
Als ich dann endlich in meiner Bahn saß war mir schlecht.
Und zwar richtig.
Der aufmerksame Herr gegenüber von mir schien das auch zu bemerken, denn er hielt mir selbstlos seine Flasche Bier entgegen.
Hab dankend abgelehnt.
Ja, es gibt da grob geschätzt vier Arten von Bahnfahrern.
1. Die, die Bier und ähnliches offen und fröhlich trinken.
2. Die, die dann im Anschluss die leeren Bierflaschen einsammeln.
Von Abteil zu Abteil hetzen und die Papierkörbe leeren.
3. Die, die dabei zusehen.
4. Die, die bei allem wegsehen.
Der Herr erzählte mir dann noch, dass er diese Art von Morgenübelkeit gut kenne, und da wirklich nur ein Bierchen Abhilfe schaffen kann.
Bei mir gibts nur eine Form der Abhilfe: Ich muss nächstes Mal wieder mit dem Auto nach Köln fahren.
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Nachbarschaft II
Wenn man im Laufe seines Lebens häufig die Wohnorte wechselt, bekommt man als Dreingabe ja auch immer wieder neue Nachbarn geschenkt.
Die Tage musste ich plötzlich an Dieter denken.
Und was wohl aus ihm geworden ist.
Dieter war mein Nachbar aus alten Schauspielschulzeiten.
Die Schule war in Basel, ich wohnte in Weil am Rhein.
Ein typischer Grenzort.
Uncharmant, verwaschen, auf Durchzug getrimmt.
Mit einer vielfältigen Anzahl an Billigstläden und Erotikshops und Bars.
Alles für unsere Nachbarn aus der Schweiz.
Ich wohnte so nah an der Schweiz, dass sich der Luftraum meines Balkons schon in der Schweiz befand.
Dieter also war einer meiner liebsten Hausgenossen.
Damals so um die 40, gerade bei Mama ausgezogen und stockschwul.
Und aus irgendeinem Grund hatte er mich als Freundin auserkoren.
Kam ich nach Hause, stand Dieter schon an der Türe.
"Schätzchen, ich hab gekocht und dir was übriggelassen."
Anfangs fand ich das rührend, zumal ich ein essender Mensch bin, und mich immer über ein kulinarisches Geschenk freue.
Aber nach ein paar Wochen wurde mir klar-der Mann hasst es, Töpfe zu putzen.Und eigens dafür kochte er immer ein wenig mehr.
Sein liebes Schätzchen brachte die Töpfe auch brav gespült zurück.
Ich durfte Dieter auch in stylistischen Fragen beraten.
Wie mit einer guten Freundin wurde da vor jedem neuen Date der ganze Kleiderschrank durchprobiert, die wildesten Farbkombinationen ausgetestet und wieder verworfen.
Außerdem redete ich ihm täglich ins Gewissen, endlich seiner Mama seine Homosexualität zu gestehen.
Die Gute hatte keine Ahnung, was ihr liebes Dieterlein so trieb.
Lustig wars stets, wenn Dieter eine Party gab.
Ich hatte die Ehre als eine der wenigen Frauen geladen zu werden.
Es ging wild, bunt und schrill zu auf Dieters Partys.
Und immer, wirklich immer endeten sie gleich.
Jedesmal übergab sich jemand auf Dieters Balkon, es landete stets in der Schweiz.
Und immer weinte Dieter am Ende seiner Partys.
Weil er so glücklich war.
Weil er sich unglücklich verliebt hatte.
Weil es schon zu Ende war.
Weil er sich übergeben hatte.
Nur manchmal endetet so eine Feier mit einem Polizeieinsatz.
Die kannten Dieter und hatten Wichtigeres zu tun.
Zum Beispiel 3 Mal die Woche bei den Nachbarn direkt neben uns das Leben zu regeln.
Eine Familie, wie aus einer Soap.
Mama im Leopardendress, üppigst geformt und mit Fingernägeln geschmückt, mit denen sie kaum ihre Zigaretten halten konnte.
Sie ging offiziell anschaffen.
Ihr arbeitsloser Mann war ihr Zuhälter.
Es gab da noch eine Tochter, die frisch verheiratet war.
Mit einem Italiener.
Ein kleiner blasser Sohn tauchte hin und wieder auf.
Die Gründe, wegen der die Polizei kam, waren erstaunlich mannigfaltig.
Schlägereien- wobei meistens die Mama gewann.
Drogenrazzien.
Prostitution.
Hehlerei.
Schiesserein.
Zuletzt bei der Verlobung der Tochter mit ihrem Italiener.
Und bei der vorübergehenden Trennung der Tochter.
Und als der Italiener zur Mama Hure gesagt hat, da zog dann ihr Mann die Pistole.
Komischerweise ist nie was ernsthaft passiert.
Und die ganzen Einzelheiten wusste ich von Ernst.
Der wohnte unter mir.
Er arbeitete im selben Etablissement wie Mama von nebenan.
Allerdings als Rausschmeißer und Filmvorführer.
Sonntags war er der Organist in der Kirche.
In der katholischen.
Und er übte den ganzen Tag auf seiner elektrischen Orgel.
Bachkantaten.
Maria durch ein Dornwald ging.
Da haben Dieter und ich oft aus Rührung weinen müssen.
So eine innige Nachbarschaft bekomme ich nicht mehr so schnell.
"Lieber Dieter, falls du diese Zeilen lesen solltest:
Es war schön mit dir. Und die Töpfenummer hab ich dir auch verziehen."
Die Tage musste ich plötzlich an Dieter denken.
Und was wohl aus ihm geworden ist.
Dieter war mein Nachbar aus alten Schauspielschulzeiten.
Die Schule war in Basel, ich wohnte in Weil am Rhein.
Ein typischer Grenzort.
Uncharmant, verwaschen, auf Durchzug getrimmt.
Mit einer vielfältigen Anzahl an Billigstläden und Erotikshops und Bars.
Alles für unsere Nachbarn aus der Schweiz.
Ich wohnte so nah an der Schweiz, dass sich der Luftraum meines Balkons schon in der Schweiz befand.
Dieter also war einer meiner liebsten Hausgenossen.
Damals so um die 40, gerade bei Mama ausgezogen und stockschwul.
Und aus irgendeinem Grund hatte er mich als Freundin auserkoren.
Kam ich nach Hause, stand Dieter schon an der Türe.
"Schätzchen, ich hab gekocht und dir was übriggelassen."
Anfangs fand ich das rührend, zumal ich ein essender Mensch bin, und mich immer über ein kulinarisches Geschenk freue.
Aber nach ein paar Wochen wurde mir klar-der Mann hasst es, Töpfe zu putzen.Und eigens dafür kochte er immer ein wenig mehr.
Sein liebes Schätzchen brachte die Töpfe auch brav gespült zurück.
Ich durfte Dieter auch in stylistischen Fragen beraten.
Wie mit einer guten Freundin wurde da vor jedem neuen Date der ganze Kleiderschrank durchprobiert, die wildesten Farbkombinationen ausgetestet und wieder verworfen.
Außerdem redete ich ihm täglich ins Gewissen, endlich seiner Mama seine Homosexualität zu gestehen.
Die Gute hatte keine Ahnung, was ihr liebes Dieterlein so trieb.
Lustig wars stets, wenn Dieter eine Party gab.
Ich hatte die Ehre als eine der wenigen Frauen geladen zu werden.
Es ging wild, bunt und schrill zu auf Dieters Partys.
Und immer, wirklich immer endeten sie gleich.
Jedesmal übergab sich jemand auf Dieters Balkon, es landete stets in der Schweiz.
Und immer weinte Dieter am Ende seiner Partys.
Weil er so glücklich war.
Weil er sich unglücklich verliebt hatte.
Weil es schon zu Ende war.
Weil er sich übergeben hatte.
Nur manchmal endetet so eine Feier mit einem Polizeieinsatz.
Die kannten Dieter und hatten Wichtigeres zu tun.
Zum Beispiel 3 Mal die Woche bei den Nachbarn direkt neben uns das Leben zu regeln.
Eine Familie, wie aus einer Soap.
Mama im Leopardendress, üppigst geformt und mit Fingernägeln geschmückt, mit denen sie kaum ihre Zigaretten halten konnte.
Sie ging offiziell anschaffen.
Ihr arbeitsloser Mann war ihr Zuhälter.
Es gab da noch eine Tochter, die frisch verheiratet war.
Mit einem Italiener.
Ein kleiner blasser Sohn tauchte hin und wieder auf.
Die Gründe, wegen der die Polizei kam, waren erstaunlich mannigfaltig.
Schlägereien- wobei meistens die Mama gewann.
Drogenrazzien.
Prostitution.
Hehlerei.
Schiesserein.
Zuletzt bei der Verlobung der Tochter mit ihrem Italiener.
Und bei der vorübergehenden Trennung der Tochter.
Und als der Italiener zur Mama Hure gesagt hat, da zog dann ihr Mann die Pistole.
Komischerweise ist nie was ernsthaft passiert.
Und die ganzen Einzelheiten wusste ich von Ernst.
Der wohnte unter mir.
Er arbeitete im selben Etablissement wie Mama von nebenan.
Allerdings als Rausschmeißer und Filmvorführer.
Sonntags war er der Organist in der Kirche.
In der katholischen.
Und er übte den ganzen Tag auf seiner elektrischen Orgel.
Bachkantaten.
Maria durch ein Dornwald ging.
Da haben Dieter und ich oft aus Rührung weinen müssen.
So eine innige Nachbarschaft bekomme ich nicht mehr so schnell.
"Lieber Dieter, falls du diese Zeilen lesen solltest:
Es war schön mit dir. Und die Töpfenummer hab ich dir auch verziehen."
Dienstag, 15. Dezember 2009
Nachbarschaft
Es gibt ja die unterschiedlichsten Formen der Nachbarschaft.
Manch eine basiert auf Höflichkeit und Hilfsbereitschaft,auch auf Abneigung- versteckt oder offen.
Bei uns im Haus läuft das anders.
Wir haben da so unsere Deals.
Angefangen mit unserem wunderbaren Vermieter, der inzwischen in Dubai lebt.
Ein Tag vor der Umsiedlung kam er spontan auf nen Tee vorbei, versicherte mir, dass er auch von Dubai aus mein treuer Vermieter wäre,gab mir ne Notfallnummer von nem Freund und verschwand.
Locker war er von Anfang an.
Jenseits von irgendwelchen Auswahlverfahren über Einkommensnachweise, Schufa-angaben und ähnlichem hat er uns als Mieter ausgewählt.
Weil wir in seine Wohnung so gut passten.
Er zuckte nicht mit der Wimper, als ich ihn eines Tages in höchster Not anrief, Telefonhörer in der einen, Putzlappen in der anderen Hand.
Spülmaschinensupergau.
Literweise schwärzliches Wasser floss in die Küche.
Und nicht nur in unsere.
Auch die Nachbarn von unten standen schon unter Wasser.
Freitag, 13 Uhr.
Das deutsche Handwerk befand sich schon im Wochenende.
Wir auf dem Weg Richtung Heimaturlaub.
Mein Vermieter empfahl mir die Spülmaschine einfach zu schließen und zu gehen.
Er würde sich um alles kümmern.
Putzen, reparieren u.s.w.
So einen Vermieter hatte ich noch nie!
Dafür belästige ich ihn auch nicht mit der Ausbesserung kleiner Schönheitsfehler.
Schlägt man in die Außenwände Nägel, so hat man denn schon mal ein faustgroßes Loch in der Wand.
Ich stopfe da immer Wolle rein.
Nach meiner Erfahrung hält das ziemlich gut.
Ich nerve ihn auch nicht damit, dass er angefangene Arbeiten zu Ende bringen soll.
So ein kleinliches Verhältnis haben wir nicht.
Im Badezimmer stehen Kacheln an der Wand, Werkzeug griffbereit
daneben-er wollte nur mal schnell Zigaretten holen.
Fußleisten lehnen an den Wänden-er wollte das eigentlich gestern schnell anbringen.
Dafür sagte er auch nichts, als wir plötzlich auf den Hund gekommen waren.
Ich hingegen stunde ihm großzügig Jahresabschlagsrückzahlungen.
Das Leben in Dubai ist teuer.
Er sagt dafür nichts, wenn obdachlose Punks bei uns wochenlang unterkriechen.
Ja, und diese Art von Agriements herrschen im ganzen Haus.
Zwei unter uns wohnt Juri.
Aus Kasachstan.
Ein wahres Original.
Camouflagekleidung kombiniert mit selbstgestrickten Stulpen und dicken Goldkreuzen.
Und eingehüllt in östliche Melancholie.
Wann immer ich ihn treffe und mich nach seinem Befinden erkundige bekomme ich zur Antwort:
"Hauptsache ich läbe."
Und dies mit wahrer Leidesmiene und gebrochener Stimme vorgetragen.
Jedesmal höre ich heraus:"Hauptsache, es ist bald vorbei."
Die Tage, da war er in wirklicher Not.
"Ich habe keine Verbindung zum Kosmos.
Du musst mir helfen."
Dass Juri über meine guten Verbindungen zum Kosmos wusste, erstaunte mich doch etwas.
"Du bist näher an Kosmos.
Ich habe neue Satellitenschüssel.Aber geht nicht.Du hast Dachterasse.
Ist nah am Himmel und Kosmos.
Kann ich bauen bei dir Verbindung?"
Ich habe selbst keinen Fernseher.
Und hasse diese Schüsseln.
Andererseits mag ich Juri.
Und witterte die Chance auf einen Deal.
Außer Juris Lieblingsatz:"Hauptsache ich läbe.", gab es noch einen anderen immer wiederkehrenden Satz.
"Hast du Hund, musst du putzen Treppe."
Wir haben uns geeinigt.
Seine Verbindung zum Kosmos steht.
Auf meiner Dachterasse.
Und ich muss nicht mehr die Treppe putzen.
Das nenne ich eine gut funktionierende Nachbarschaft.
Hauptsache, wir läben.
Montag, 14. Dezember 2009
Mittelmeerfisch
Wenn man von unserem Haus aus zweimal um die Ecke geht (ich sage nicht in welche Richtung),dann kommt man zu meinem Lieblingsgeschäft.
Mittelmeerspezialitäten.
Und mehr.
Gemüse, Obst und einheimische Produkte.
Südländische Deko, dick verstaubt, zaubert diese gewisse Atmosphäre, deren Charme man sich kaum entziehen kann.
Zumindest ich nicht.
Da hängen Plastikolivenzweige einträchtig neben glitzernden Weihnachtsgirlanden.
Ganzjährig.
Das Gemüse und auch das Obst haben ihre besten Tage schon hinter sich.
Ich kaufs trotzdem.
Es soll schließlich nicht umsonst gewachsen sein.
Und der gute Herr M.-stets mit der selben Mütze auf dem Kopfe- ist halt die Charmeoffensive schlechthin.
Komm ich in sein Geschäft, dann begrüßt er mich mit Handschlag, und versichert glaubwürdig, dass er DAS Angebot für mich hat.
Und zwar nur für mich.
Und eigens für mich besorgt.
Dieses großväterliche Wohlwollen, das er ausstrahlt,man kauft es ihm ab.
Man kauft ihm sowieso einiges ab.
Wein
Oliven
Abgelaufene Dosen mit irgendwelchen Spezialitäten.
Armes Obst und Gemüse.
Und dass er nach 40 Jahren Deutschland noch immer diesen Akzent pflegt,
der das Gefühl von Urlaub vermittelt, ist halt auch allerliebst.
"Bisse du wieder da.Isse schön für mich."
Neulich, da hab ich mich mit letzter Kraft hingeschleppt.
Schwer erkältet und angekränkelt.
Mein lieber Herr M. empfing mich sehr liebevoll.
"Siehste du scheisse aus.Habe was für dich.Kommste du mit."
Und er nahm mich hinter seine Fischtheke und holte eine Flasche mit Selbstgebrautem hervor.
"Isse Familienrezept."
Zuerst goss er großzügig das Zeug auf ein Tuch, das er mir dann unter die Nase hielt.
Ich sollte inhalieren.
Gleichzeitig goss er mir diese Familienmedizin in ein Wasserglas.
Er füllte es bis oben hin.
Unter seiner Aufsicht musste ich es leeren.
Ja.
Das wars dann.
Es hat wirklich geholfen.
Ich hab nichts mehr gespürt.
Weder Schnupfen, Kopfschmerzen oder sonstiges.
Ich durfte dann noch ein wenig sitzen bleiben.
Und hatte ein ganz warmes Gefühl ums Herz.
Ein wenig schwindlig war mir auch.
Aber der Schnupfen war tatsächlich weg.
Mittelmeerspezialitäten.
Und mehr.
Gemüse, Obst und einheimische Produkte.
Südländische Deko, dick verstaubt, zaubert diese gewisse Atmosphäre, deren Charme man sich kaum entziehen kann.
Zumindest ich nicht.
Da hängen Plastikolivenzweige einträchtig neben glitzernden Weihnachtsgirlanden.
Ganzjährig.
Das Gemüse und auch das Obst haben ihre besten Tage schon hinter sich.
Ich kaufs trotzdem.
Es soll schließlich nicht umsonst gewachsen sein.
Und der gute Herr M.-stets mit der selben Mütze auf dem Kopfe- ist halt die Charmeoffensive schlechthin.
Komm ich in sein Geschäft, dann begrüßt er mich mit Handschlag, und versichert glaubwürdig, dass er DAS Angebot für mich hat.
Und zwar nur für mich.
Und eigens für mich besorgt.
Dieses großväterliche Wohlwollen, das er ausstrahlt,man kauft es ihm ab.
Man kauft ihm sowieso einiges ab.
Wein
Oliven
Abgelaufene Dosen mit irgendwelchen Spezialitäten.
Armes Obst und Gemüse.
Und dass er nach 40 Jahren Deutschland noch immer diesen Akzent pflegt,
der das Gefühl von Urlaub vermittelt, ist halt auch allerliebst.
"Bisse du wieder da.Isse schön für mich."
Neulich, da hab ich mich mit letzter Kraft hingeschleppt.
Schwer erkältet und angekränkelt.
Mein lieber Herr M. empfing mich sehr liebevoll.
"Siehste du scheisse aus.Habe was für dich.Kommste du mit."
Und er nahm mich hinter seine Fischtheke und holte eine Flasche mit Selbstgebrautem hervor.
"Isse Familienrezept."
Zuerst goss er großzügig das Zeug auf ein Tuch, das er mir dann unter die Nase hielt.
Ich sollte inhalieren.
Gleichzeitig goss er mir diese Familienmedizin in ein Wasserglas.
Er füllte es bis oben hin.
Unter seiner Aufsicht musste ich es leeren.
Ja.
Das wars dann.
Es hat wirklich geholfen.
Ich hab nichts mehr gespürt.
Weder Schnupfen, Kopfschmerzen oder sonstiges.
Ich durfte dann noch ein wenig sitzen bleiben.
Und hatte ein ganz warmes Gefühl ums Herz.
Ein wenig schwindlig war mir auch.
Aber der Schnupfen war tatsächlich weg.
Sonntag, 13. Dezember 2009
Container
Neulich, da brauchte ich ein Bahnticket.
Es gibt da ja allerlei Verbrauchergünstige Angebote der Bahn AG.
Nicht immer so leicht zu durchschauen mit welcher Sparvariante man tatsächlich spart, aber der gute Wille der Bahn zählt.
Unser örtliche Hauptbahnhof wird mal wieder saniert.
Gründlich und jenseits einer absehbaren Zeitachse.
Aber für mich.
So propagiert es die Bahn AG.
Überall steht es Schwarz auf Weiss.
"Wir bauen für Sie um."
Darum auch sind alle Schalter vorübergehend geschlossen.
Stattdessen darf man in einen Container.
Ungeheizt.
Wahrscheinlich aus einer höheren Verantwortung unserer Umwelt gegenüber.
Die Bahn geht stets gerne mit gutem Beispiel voran.
Beim Betreten des Containers nehme ich ca 15 Menschen wahr, die brav eine Reihe gebildet haben.
Am Schalter eine Dame, die die Ruhe selbst ist.
Jedem gibt sie das Gefühl, dass sie alle Zeit der Welt hat.
Dass sie ganz für den Kunden da ist.
Ganz und ausschließlich.
Sicher hat sie einen dieser Kurs belegt, wo man lernt , trotz äußerem desolatem Zustand, den Menschen ein gutes Gefühl zu vermitteln.
Sie bediente gerade ein älteres Ehepaar.
Die gemeinsam nach Berlin fahren wollten.
Verwandtenbesuch. Aber nicht nur. Auch Kultur.
Und sie wussten noch nicht genau, wie lange sie bleiben wollten.
Das hinge ja auch vom Wetter ab.
Aber nicht nur, weil, vielleicht hätten sie ja einen Termin bei ihrer Augenärztin(ich hoffte, nicht bei der mir bekannten...)
Egal.
Nach dem Berlinbesuch wollten sie nach Bergisch-Gladbach.
Und dort ne Nacht bleiben.
Aber der Mann bliebe 2 Nächte.
Sie müsse leider früher zurück.
Und er habe ein Ticket 75.
Sie ein Schoko-oder Bärenticket.
Oder Ticket 1000?
Es war äußerst komplex.
Und die Mitarbeiterin am Schalter gab ihnen die ganze Zeit das Gefühl, dass sie ihr alles anvertrauen könnten.
Mein Gott, was für eine gute Ausbildung sie durchlaufen hat.
Wir anderen, also inzwischen so an die 23 Menschen, verfielen in so eine Art meditative Starre.
Selbstschutz.
Und weils so kalt war, rückten wir ein wenig näher.
Da hatte ich einen Lichtblitz.
Ich könnte ja schon mal nach dem Antrag fragen, das würde Zeit sparen.
Es war eine wirklich gute Idee.
Ich bekam ihn auch mit einem nachsichtigen Lächeln gereicht.
Und dieses Lächeln teilte mir mit, dass ich nur noch ein klein wenig Geduld haben müsste, und dann alles fragen dürfte.
Da stellte ich fest, dass ich ohne Lesebrille unterwegs war.
Und da ich meine Mitwartenden schon ca. eine Stunde kannte, fragte ich in die Runde:"Hat jemand ne Lesebrille dabei?"
Und in diesem Moment veränderte sich alles.
Wie bei Dornröschen, als der Prinz die Hecke durchdrang, und alles aufwachte.
Der katatonische Gruppenzustand löste sich umgehend auf.
5 Menschen reichten mir sofort ihre Brillen.
4 suchten in ihren Taschen.
2 boten mir an, den Text zu lesen.
Die junge Tamilin vor mir plauderte fröhlich mit mir übers Reisen.
Die Dame hinter mir bekam das großzügige Angebot ein Tierchen aus ihrem Haupthaar entfernt zu bekommen.
Von einem großgewachsenen Obdachlosen.
Der genau hinter ihr stand und freien Blick auf ihr frisch onduliertes Haar hatte.
Der auch gar nicht die Antwort der Dame abwartete, sondern handelte.
"Ich glaub, sie haben Läuse, Gnädigste"
Worauf alle ein wenig auseinander rückten.
"Ne, is nur ne Ameise."
Alle rückten wieder zusammen, und die Dame bedankte sich.
Mit Handschlag.
Worauf ihr Retter fragte, ob jemand was dagegen hätte, wenn er die Heizung hochdrehen würde, seine Socken ausziehen und selbige daran trocknen würde.
Wir hatten ja Zeit.
Alle waren einverstanden.
Der Moment war gekommen, dass ein östlich aussehender Herr sein Vodkafläschchen aus der rechten Brusttasche zog.
Und rumgehen ließ.
Ah, das tat gut.
Nun machten wir uns mit vereinten Kräften an das Ausfüllen meines Antrages.
Alleine hätte ich das auch kaum geschafft.
Zwischendrin war ich mir unsicher, was die ganzen Fragen mit Zugfahren zu tun hätten.
Und ich fragte mich, wie Menschen mit nur rudimentären Deutschkenntnissen solch einen Antrag ausfüllen Können.
Aber Oleg aus Kasachstan hatte da zum Glück Erfahrung.
Mit deutschen Anträgen.
Was man überlesen sollte, was nicht.
Mike, der Obdachlose, war inzwischen mit Vera, der Dame mit der Ameise im Haar, zum zwanglosen DU übergegangen.
Oleg sang uns eine dieser wirklich melancholischen russischen Volksweisen vor.
Beim Abschied hatte der eine oder andere Tränen in den Augen.
Die Bahn weiß, wie man Menschen zusammen führt.
Donnerstag, 10. Dezember 2009
Brieffreunde
Ich habe einen spanischen Brieffreund.
Nein, falsch.
Ich hatte einen Brieffreund in Spanien.
Genauer gesagt aus dem Baskenland.
Das war sehr schön, sich seine jeweiligen Gedanken zu schreiben, die alltäglichen Erlebnisse, wir haben uns über Literatur ausgetauscht, uns Gedichte geschrieben.
Alles ganz platonisch und romantisch.
Aber irgendwie hab ich es versaut.
Mir fiel eines Tages nämlich auf, dass er immer nur dienstags schrieb.
Und zwar stets zur gleichen Zeit.
Kann man ja bei diesen elektronischen Briefen sehen.
Und da hab ich ihn ganz schlicht und ergreifend darauf angesprochen.
Fragen gestellt.
Mit 8 Lösungsvorschlägen.
Er brauchte also nur anzukreuzen.
"Lieber K."
Es schwirren mir da so diverse Ideen durch den Kopf, warum du immer nur dienstags schreibst.
Und immer zwischen 10 Uhr und 11 Uhr.
Also:
1. Du schreibst prinzipiell nur dienstags und da du ein äußerst konsequenter Mensch bist, läßt du dich durch nichts, aber auch gar nichts von diesem Brauch abbringen.
Dies hat dir zwar schon einige Schwierigkeiten im Leben eingehandelt;
z.B. bei dringenden Vertragsabschlüssen, Finanzamtsgeschichten, Liebesbriefen und Todesanzeigen.
Egal.
Du bleibst dir treu und wartest auf den nächsten Dienstag.
2. Du hast vor Jahren in einem buddhistischen Kloster in Tibet ein Gelübde abgelegt, nur noch dienstags das geschriebene Wort aus dir herausströmen zu lassen.
3. Du wohnst sehr, sehr abgelegen.
Irgendwo tief in den Bergen der Pyrenäen.
Durch ein Wunder gibt es immer dienstags für genau eine Stunde Strom.
Diese Stunde nutzt du dann ganz selbstlos um mir zu schreiben.
4.Deine rechte Hand, oder bist du Linkshänder?-ist nur einmal in der Woche gichtfrei.Mein Armer, das hättest du mir doch sagen können.
5.Du bist in Wirklichkeit mit einer strengen Spanierin verheiratet.
Ihr habt so 5-6 Kinder, sie überschüttet dich mit Liebe, Fürsorge und Eifersucht.
Nur dienstags, wenn sie morgens zu ihrer Mutter fährt, wagst du es mir zu schreiben.
6.Du lebst mit einem gewalttätigen Analphabeten zusammen.
Alles ist gut, es sei denn, man macht ihn auf sein Manko aufmerksam.
Dann wird er zum Tier.
Das letzte Mal hat dich das fast das Leben gekostet.
Bitte, sei vorsichtig!
7. Du bist eine führende Größe bei der ETA.
Im Geheimen.
Und da hast du selbstverständlich nicht so viel Zeit.
Bist du für die Bomben zuständig?
O.K. musst du mir nicht sagen.
Andererseits kann ich gut Geheimnisse für mich behalten.
8. Du bist als Kind von der Schaukel gefallen-ich übrigens auch-
Darum einfach langsamer, als andere.
So ein Brief brauch halt jetzt ne Woche.
Ich bin schon sehr gespannt, was du mir schreiben wirst.
Ob ich ins Schwarze getroffen habe.
Mir persönlich gefällt übrigens die Nummer 6 am besten.
Das wars.
Ich hab nie mehr was von ihm gehört.
Was hab ich nur falsch gemacht??
Habe ich ihn womöglich in Gefahr gebracht?
Was, wenn ich tatsächlich Recht habe- zum Beispiel mit der Nummer 7 ?
Lebt er überhaupt noch?
Musste er untertauchen?
Sich eine neue Existenz aufbauen?
Und ich?
Bin ich nun auch in Gefahr?
Und meine Kinder?
Grindel?
Oder ist er einfach nur humorlos?
Ne, also dann gefällt mir die Nummer 5 doch besser.
Oder die 4.
Mittwoch, 9. Dezember 2009
Fünf Minuten vor der Zeit
Heute hätte mein Opa allen Grund gehabt auf mich stolz zu sein.
Märchenauftritt im Kindergarten.
7.30 Uhr sollte ich dort sein.
Um 5 Uhr bin ich aufgewacht, meine innere Uhr weckte mich ein wenig sorgenvoll-bloß nicht verschlafen.
Nach einem schnellen Frühstück mit Kaffee und Dresdner Christstollen-Orginal-meiner allerliebsten Cousine Uli sei Dank- gings frisch ans Tagewerk.
Meine ganzen Requisiten 5 Stockwerke runtertragen, mein Harfe ebenfalls 5 Stockwerke runterschleppen-
Dabei den Gedanken verscheuchen, warum ich nicht Mundharmonika als Instrument ausgewählt habe.
Mit überhöhter Geschwindigkeit auf Schleichwegen nach Mönchengladbach fahren.
Alles ausladen.
Mit einem fröhlichen "Guten Morgen" auf den Lippen kam ich pünktlich an.
Nur, dass ich es mit der Pünktlichkeit etwas übertrieben habe.
Nämlich um einen ganzen Tag.
24 Stunden zu früh!
Mein Opa wäre so stolz auf mich.
Täglich mindestens einmal ließ er uns wissen:
"Fünf Minuten vor der Zeit ist Soldaten Pünktlichkeit."
Dass seine Enkeltochter seine liebste Devise so in ihre Seele eingesogen hat,ob er das wohl je zu wünschen gewagt hätte?
Mein Opa war ja ein gestrenger Herr.
Äußerlich einem gewissen deutsch - österreichischen Diktator nicht unähnlich, hatte er sein Leben stets im Griff.
Als ich ein kleines Mädchen war, spielte er mit mir stundenlang Karten.
Mau Mau.
66.
Und führte gewissenhaft Buch über Siege und Verluste.
Es war so ein kleines Vokabelheftchen.
Mit einem Bleistiftstummel trug er die Punkte ein.
Und immer leckte er vor dem Schreiben über die Miene.
Und brummte dabei.
Ein einziges Mal habe ich mich dazu hinreißen lassen zu schummeln.
Mein Opa aß während des Spielens stets einen Joghurt.
Natur.
Pur.
Ohne Zucker.
Ich sehe noch heute vor mir, wie der Joghurt an der Wand runterlief.
Wie sich der Becher leicht nach vorne neigte, seine Flugbahn nur unmerklich verließ und dann gegen die Wand prallte.
Ja, er war jähzornig, mein Opa.
Und er hasste es offensichtlich betrogen zu werden.
Im Jähzorn steckt noch mehr, als in Cholerik.
Noch mehr Wut.
Und dieser Jähzorn war stets dicht unter der brodelnden Oberfläche.
Er hielt auch gar nichts von neumodischem Kram.
Als meine Eltern stolz einen Couchtisch erstanden-in den 70igern ein MUSS,
sprach er tagelang kein Wort mehr mit ihnen.
"Neumodischer, unnötiger Kram."
Und ich konnte beobachten, wie er ihn, den Couchtisch, jeden Tag mit Polyboy polierte.
Aber wenn keiner hinsah, hat er ihn getreten.
Richtig und mit Genuss.
"Dreckstisch, du...."
Um dann im selben Atemzug wieder sein Polyboyläppchen hervorzuholen, um ihn liebevoll einzureiben.
Auch der Kauf unseres ersten Autos durfte Opa nie erfahren.
Wir sind also heimlich Auto gefahren.
Und immer mit schlechtem Gewissen.
Und in grosser Sorge, dass er es erfahren könnte.
Ja, er war ein strenger Herr.
Aber heute wäre er sehr stolz auf mich gewesen.
24 Stunden vor der Zeit...
Von Abba bis Zappa
Also,
neulich, da war ich tanzen.
Ist ja gar nicht so einfach, eine gute location dafür zu finden.
Entweder man liegt altersmässig so weit überm Durchschnitt, dass einem die Jugendlichen unter die Arme greifen und zu einer Sitzgelegenheit führen wollen.
Oder die Musik ist so laut, schräg und basslastig, dass einem noch Tage später spastische Zuckungen durch den Körper fahren.
Dann gibts ja seit ein paar Jahren diese Ü-Partys.
Ü- 30
Ü- 40
Weiter wird nicht gezählt.
Wahrscheinlich können sich die Veranstalter dieser Partys ein Leben jenseits der 40 nicht vorstellen.
Ich war auch schon dort.
Und zwar Ü-30 und Ü-40
Besonders bei der Ü-40 Party war der Altersdurchschnitt so bei 22.
Und die Musik hangelte zwischen House, ExtremHouse und Wolfgang Petry.
Na da war ich doch mehr als erleichtert, als in einer linkslastigen, ortsansässigen Kneipe ein Event angekündigt wurde:
VON ABBA BIS ZAPPA
Tanzen, was das Zeug hält.
Ich habe mich dann auch gleich auf die Tanzfläche gestürzt.
Dafür war ich ja gekommen.
Zum Tanzen.
An der Theke saßen etwa 7 melancholisch dreinblickende Männer.
Alle starrten auf die Tanzfläche.
Also auf uns Tanzende.
Fast alles Frauen.
Bis auf einen Althippie, der seine Haare wild schüttelte und ganz geschmeidig seinen Körper bog.
Der Erste der Thekenhocker fasste sich ein Herz und schlenderte lässig zu mir.
"Magst du tanzen?"
Was für eine Frage- ich tat es doch...
Und ohne eine Antwort von mir abzuwarten nahm er mich in den Arm.
Denn er hatte beschlossen mit mir den guten, alten Foxtrott zu tanzen.
Aber zu David Bowie tanze ich keinen Fox.
Kann ich gar nicht.
Er begann dann aus seinem Leben zu berichten.
Warum er mit 49 noch zu Hause leben würde.
Hotel Mama.
Und dass ich die erste Frau wäre, die mit ihm freiwillig tanzen würde...
Oje.
Da war ich dann schon an meinem Helfersyndrom gepackt.
Liebevoll hab ich ihn wieder zu seinem Barhocker geführt, und ihm als aufmunternde Geste auf den Rücken geklopft.
Der nächste versuchte es doch tatsächlich mit seiner Mickey Mouse Sammlung, die er zu Hause hätte.
Und die er mir wahnsinnig gerne zeigen würde.
Dann kam ein Herr mittleren Alters- so knapp unter 60.
Gepflegt.
Mit Anzug.
Siegelring.
Er kam genau auf mich zu.
"Baby, ich mag es nicht um den heißen Brei herumzureden.
Komm einfach mit zu mir.He, bleib locker, ja, du musst doch auf ne höfliche Anfrage nicht gleich so zickig reagieren..."
Verdammt. Wo war ich hingeraten?
Ich wollte doch nur tanzen!
Gab es da einen Subtext, den ich nicht verstanden habe?
Von Abba bis Zappa.
War das eine Singleparty, und zwar so eine für die wirklich Suchenden?
Letzte Tankstelle vor der Autobahn?
Gerade als ich gehen wollte, kam ein Typ auf mich zu.
Groß.
Schwankend.
Von oben bis unten tätowiert.
"He, ich bin Uli und ich steh auf Tattoos.
Was bist du für ne Lichtgestalt?
Ich habe beschlossen, mich mit dir heut Abend zu betrinken."
Wow, mal jemand, der nicht mit mir tanzen wollte.
Ich dankte ihm höflich.
War irgendwie nicht in der rechten Stimmung.
Werd wohl doch wieder daheim in der Küche tanzen.
Da belästigt mich dann nur Grindel.
Montag, 7. Dezember 2009
Also,
Ich weiß ja nicht, wie es anderen Leuten geht, aber in meinem alltäglichen Alltag begegnen mir leider immer wieder Dinge, die mich reizen, mich ärgern, oder die ich schlicht und ergreifend doof finde.
Ziemlich weit oben auf meiner NO GO LISTE stehen PAYBACK Karten.
Wer hat die nur erfunden?
Und vorallem wozu?
Nein, ich habe keine, und will auch keine.
Und wenn die Kassiererin auch noch so freundlich und routiniert nach selbiger fragt, ich habe mich bislang erfolgreich gegen eine Paybackkarte gewehrt.
Dabei habe ich keine Angst vor einer Durchleuchtung und Überwachung von Seiten des Staates ( seit der Demo 1978, als ich vor nem Wasserwerfer ungeschickt ausrutschte und ein freundlicher, behelmter Herr mich höflichst um meine Personalien bat - ja, seitdem bin ich doch eh ein offenes Buch für Interessierte.)
Nein, ich will nicht Jahr um Jahr Punkte für einen Toaster sammeln.
Ich bin zu ungeduldig.
Falls ich wirklich einen brauche, dann kauf ich ihn.Und zwar sofort.
Und irgendwelche Accessoires von Raab Karcher lassen auch nur Männerherzen höher schlagen.
Für mich ist einfach nichts passendes dabei.
Dabei sammle ich schon gerne.
Früher, in meiner Kindheit habe ich jedes Bildchen aus den Köllnhaferflocken liebevoll eingeklebt.
Und ich sammle Kastanien.
Steine.Sternschnuppenstaub.
Aber keine Punkte.
An erster Stelle meiner heimlichen Liste steht allerdings etwas anderes.
Abschließbare Mülltonnen.
Sozusagen der Höhepunkt an pervertierter Wohlstandsäußerung.
Wer hat so was erfunden?
Da kann ich doch täglich meine Nachbarn beobachten, wie sie liebevoll ihre Mülltonne auf- und wieder zuschließen.
Und dabei verstohlen nach rechts und links blicken.
So wie die Securityleute bei nem Geldtransport.
Vor was fürchten sie sich?
So ganz verstehe ich es nicht.
Hat man nun Angst, dass Müll geklaut wird, oder dass jemand seinen Müll dazu wirft?
Vielleicht bin ich zu lieblos im Umgang mit meinem Abfall.
Zu wenig achtsam.
Neulich, da hat mich so ein Teufelchen geritten.
Hab meine Postwurfsendungen in die Nachbartonne gesteckt.
Ich sah nämlich, dass sie offen stand.
Gerade, als ich meine schändliche Hand zurückziehen wollte, war ich auch schon auf frischer Tat ertappt.
Ein älterer Herr aus dem Nachbarhaus, der auf einem Kissen aufgestützt die Tonnen beobachtet hatte, schrie über die ganze Straße:
"Sie, nehmen sie sofort ihren dreckigen Müll aus unserer Tonne!"
Auch meine Beteuerung, dass die neuesten Plusangebote weder dreckig noch platzraubend seien, ließen ihn kalt.
"Wenn sie nicht sofort ihren Müll aus unserer Tonne nehmen, zeig ich sie an."
Hab den Prospekt dann entfernt.
Ich glaube, er ist noch immer in meiner Tasche.
Muss mal wieder einen günstigen Moment abpassen, um ihn loszuwerden.
Auch mein Nachbar muss sicher mal was wichtiges in der Wohnung machen.
Zum Beispiel seine PAYBACK Punkte zählen.
Sonntag, 6. Dezember 2009
Nikolaus
Also,
gestern war ja Nikolaus.
Ein Ereignis, das ich seit Jahren innigst zelebriere.
Um genau zu sein, hat mein Nikolausfestausschuss dieses Jahr sein 20jähriges Jubiläum.
Für mich reicht es nicht, meinen Kindern einfach in der Nacht zum 6. Dezember ihre geputzten Stiefel zu füllen.
Nein, bei uns kommt der Nikolaus höchst persönlich.
Aber da mir jeder irdische Nikolausdarsteller zu leihenhaft, unwürdig und unglaubwürdig erscheint, mach ich es ganz raffiniert.
Er kommt zwar zu uns, aber wir sehen ihn nie.
Er klopft immer nur kräftig an die Türe.
Und wenn wir dann schauen, dann stehen da seine Gaben.
Und zwar die klassischen.
Äpfel, Nüsse, Mandelkern.
Brennende Kerzen.
Diese kleinen, wunderbaren Schokoladepäckchen.
Natürlich ein Schokoladennikolaus.
Im Laufe der Jahre hat sich da etwas aufgebaut.
Nicht nur eine wunderschöne Stimmung, sondern Nikolausstress.
Denn ich bin Wochen zuvor schon auf der Suche nach den perfekten Nüssen.
Es dürfen natürlich nicht die üblichen sein.
Die kalifornischen sind zu amerikanisch grosskotzig und sauber.
Das würde der Nikolaus sicher nicht gutheissen.
Ich arbeite schließlich in seinem Namen.
Die heimischen aus dem eigenen Garten sind zu schmutzig.
Das würde er auch nicht wollen, das würde womöglich auf ihn zurückfallen.
Also bin ich ersteinmal auf der Suche nach den ultimativen Nüssen.
Die muss ich dann noch bearbeiten.
Mit einem Hauch Goldglanz.
Dies ist nicht so einfach, sie dürfen nicht komplett gülden sein, sondern halt eben nur so ein Ahnung von himmlischem Glanz aufweisen.
Das wirkt viel mehr.
Himmelsmandarinen gehören auch dazu.
Himmelsmandarinen sind die, die noch Stil und Blätter aufweisen.
Heute gibts die ja oft, aber früher - oje, da musste ich schon ab und an bis nach Düsseldorf reisen.
Und das Timing muss stimmen , denn kauft man sie zu früh, dann sind am Niklausabend alle Blätter abgefallen.
Dann hat man für nichts die 5fache Summe ausgegeben.
Dann werden Süßigkeiten gesucht, die sich von den anderen absetzen.
Manchmal steht auch ein Knusperhexenhäuschen dabei.
Es gab Jahre, da habe ich versucht eines selbst zu backen.
Hab ich schnell aufgegeben.
Ja, da kann schon mal was schief gehen.
Wir sind jedenfalls schon Stunden vor seinem Ankommen beschäftigt.
Stiefel werden geputzt.
Bilder gemalt.
Wunschzettel geschrieben, die der Nikolaus dann auf direktem Wege in den Himmel mitnehmen kann.
Es wird gebacken.
Für den Nikolaus.
Und für seine Rentiere.
Aber die bekommen eher zuckerreduzierte Haferplätzchen, während der Nikolaus- so jedenfalls unsere jahrelange Erfahrung - lieber die mit Schokolasur hat.
Zusätzlich bekommt er nen Glühwein.
Aber natürlich nicht den billigen Christkindlglühwein, so nen Fusel trinkt man im Himmel nicht, auch wenn dies uns der Name weismachen will.
Nein, der Nikolaus mag Glöög von Ikea - ich übrigens auch.
Wenn wir dann nach stundenlanger Arbeit rechtschaffen müde am Tisch sitzen, lese ich unsere traditionelle Nikolausgeschichte vor.
Immer ungefähr nach der Hälfte muss ich dann mit irgendeiner Ausrede unterbrechen, um heimlich die Nikolausgaben aufzubauen.
Es muss schnell und leise von statten gehen.
Alles muss schön drapiert werden, die Kerzen angezündet werden, die Bilder der Kinder eingesteckt werden, Plätzchen gegessen, Glögg getrunken werden.
Dann gleichzeitig wieder am Tisch auftauchen und kräftig klopfen.
Da kann schon mal was schief gehen.
Im Eifer habe ich schon Preisschilder unter Nikoläusen vergessen, sämtliche Mandarinen waren auf einmal entblättert,Gemälde wurden vom Nikolaus vergessen, Kekse verschmäht, Glühwein über Manderinen geschüttet, zu stark geklopft; und zwar so stark, dass sämtliche Kinder weinend unter dem Tisch lagen.
In einem Jahr war der Hund schneller und hat die Nikoläuse aufgefressen.
Da es für den Nikolaushandlanger immer eine große Anspannung ist, dies alles zu bewältigen, habe ich auch schon auf Helfer zurückgegriffen.
Aber die Anweisung, all die Dinge auf der Treppe zu verteilen, kann schon zu Missverständnissen führen.
Damals hatten wir eine Vorder-und Hintertreppe.
Dass dieser Helfer die Hintertreppe wählte, und die ganzen Gaben dort in den gerade rausgestellten Mülleimer stellte, war ja nicht zu ahnen.
Ein anderes mal kam ich auf die Idee, den Nikolaus doch auftreten zu lassen.
Er sollte, wenn wir die Türe öffnen, nur noch so von hinten zu sehen sein.
Wie er zu seinem Schlitten eilt.
Unser Nachbar hatte einen langen, roten Bademantel.
Ich hätt es halt doch mal proben sollen.
Weil irgendwie hat er es nicht geschafft würdevoll zu verschwinden.
Das Ganze hatte dann eher den Anschein eines fliehenden Mäntelchenöffners, der dann auch noch in der rheinischen Matsche ausrutschte.
Wurde dann aus dem Programm genommen.
Gestern wars dann wieder soweit.
Mein Erstgeborener(21) war erst ein wenig irritiert:
"Mama, ich hab ein wichtiges Date."
Aber an diesem Abend gibt es nur ein Date, das mit dem Nikolaus.
Hat er dann auch eingesehen.
Und bekam schnell wieder seinen Nikolauskinderblick zurück.
Diese Mischung aus Vorfreude und einer unterschwelligen Angst.
Was passiert diesmal?
Fluchtpläne flackern in seinen Augen auf.
Aber spätestens beim Lesen unserer Geschichte sind wir uns alle einig:
Der Nikolausabend ist bei uns am allerschönsten.
Weil zu uns ja auch der echte Nikolaus kommt.
Und nur manchmal verspüre ich so einen gewissen Neid auf die Leute, bei denen der Nikolaus einfach nur die Stiefel füllt.
Nachts.
Wenn alle schlafen.
Theater
Also,
Das ist ja immer so eine etwas heikle Angelegenheit - eine Premiereneinladung bei Kollegen.
Mit anschließender Premierenfeier.
Dies kann mitunter eine echte Herausforderung sein.
So oder so bewegt man sich auf dünnem Eis.
Erst der doch immer wieder erhebende Moment, wenn es im Theatersaal dunkel wird.
Und erwartungsvolle Stille eintritt.
Für mich jedes Mal ein Gefühl wie zu einst an Weihnachten.
Aber noch während der kurzen Phase der Dunkelheit beginnt man innerlich Stoßgebete zu verfassen: Lieber Gott, lass es bitte ein gute Inszenierung sein.
Es gibt nichts qualvolleres, als schlechtes Theater, das man nachher auf der Premierenparty kommentieren muss.
Unter Kollegen.
Mit Küsschen rechts und links.
Natürlich erwartete jeder ein paar Worte des Lobes, der Lobhudelei.
Im besten Fall sind schon alle betrunken und der gnädige Schleier der Amnesie breitet sich über allen Beteiligten aus.
Meistens aber steht man da mit einem Glas Prosecco in der Hand, duzt alle selbstverständlich, nennt alle Liebelein ( auch den neuen Intendanten dieses Hauses, denn noch schlimmer wäre es , seinen wichtigen Namen nicht zu wissen) lächelt in den Runde, während das Gehirn auf Hochtouren läuft.
Falls einem die Inszenierung des Kollegen nämlich nicht gefallen hat.
Was sage ich?
Und wie?
Es gibt da so ein magisches Wort bei Theaterleuten.
Das lautet. SPANNEND
Spannend kann alles ausdrücken.
Spannend kann sagen: Dies war die beschissenste Aufführung, die ich je gesehen habe...spannend zu erfahren, wie dir das gelungen ist.
Oder: spannend, welche Lügen mir gleich einfallen werden, um aus dieser Nummer rauszukommen.
Spannend, dass du dafür bezahlt wirst.
Aber auch:spannend, weil wirklich spannend und originell.
So bleibt es denn auch für alle Beteiligten spannend, welche Wahrheit wohl diesmal dahinter steckt.
Man prostet sich zu und routiniert kommt es auch schon über die Lippen:
"Spannend, Liebelein"
Dann schnell zum Buffet, denn es gibt nichts Hungrigeres, als ne Horde Theaterleute.
Ich zucke jedenfalls immer zusammen, wenn jemand meine Arbeit als spannend bezeichnet.
Freitag, 4. Dezember 2009
Ein Leben ohne Handy
Also
Neulich, da hab ich mein Handyaufladekabel irgendwo vergessen.
Das wars dann.
Abgeschnitten von der Restmenschheit.
Eigentlich habe ich ein phänomenales Zahlengedächtnis.
Ich kenne fast alle Geburtstage von meinen Kindern, Verwandten, Freunden,
Bekannten und bedeutenden Persönlichkeiten auswendig.
Mit Namen wirds da schon schwerer...
Ja und die Telefonnummern von mir nahestehenden Menschen aus den letzten 30 Jahren, die sind ebenfalls fest in meine rechte Gehirnhälfte eingebrannt. Die Hausanschlüsse versteht sich.
Aber die Mobilnummern?
Einmal in dieses kleine Ding eingespeichert, sind sie weg aus meinem Kopf.
Katastrophal.
Wie kann man sich nur von so einem kleinen Ding abhängig machen?
Dabei telefoniere ich in der Öffentlichkeit höchst ungern damit.
Mehr als peinvoll empfinde ich es die intimsten Dinge anderer mitanhören zu müssen.
Es interessiert mich ehrlich nicht die Bohne, ob die Milch bei Aldi heute 2 Cent billiger ist, und es darum nötig ist die halbe Verwandtschaft schnellstens anzukarren.
Auch muss ich nicht wissen, wie krass abgefahren das Date mit dem Typen aus der 9. Klasse war.
Und dass Mauseschwänzchen in einer Minute daheim sein wird. halte ich auch für ein etwas übersteigertes Mitteilungsbedürfnis.
Ja, gut, ich schreibe gerne SMS.
Und das erspart mir auch viel Blabla drumrum.
Und als Rauschiff Enterprise Fan liebe ich die Vorstellung, ich könnte(wenn ich mein schickes Handy aufklappe) - statt zu telefonieren - Scotti bitten, mich hochzubeamen.
Irgendwo hin, wo die Stille wohnt.
An einen Ort, wo tragbare Telefonhörer auch ohne Aufladekabel funktionieren.
Muss jetzt mal weitersuchen...
Donnerstag, 3. Dezember 2009
Vom Putzen...
Ich weiß ja nicht, wie das so in anderen Haushalten zugeht-
Bei uns ist das mit dem Putzen nicht so einfach.
Mal von den schlichten Fragen wie:
WER?
WIE?
WANN?
Und vor allem WESHALB abgesehen, ist es ja eine lästige, zeitaufwendige und undankbare Aufgabe.
Kaum getan, könnte man von vorne anfangen.
Ja, es gibt da diesen spirituell begründeten Gedanken von meditativem Putzen.
Von äußerer=innerer Ordnung und Reinigung.
Klappt bei mir nicht.
Hab ich probiert.
Es gab ja mal ne Zeit, da hatte auch ich eine Putzhilfe.
Das war auch nicht wirklich besser.
Erstens musste ich lernen die gestrenge Arbeitgeberin zu sein.
Jede erfahrene Putzhilfe hat mit sofort angemerkt, dass diese Rolle nur aufgesetzt war.
Und dann hat man verloren als Arbeitgeber.
Meine erste fleißige Hilfe- aus Polen kommend- wusste alles besser.
Nicht nur hinsichtlich hyghienischer Fragen.
Ich meine wirklich alles.
Von Stilleinlagen über Marxismus, von Haushaltsführung über Zwölftonmusik, von Waldorfpädagogik über Expressionismus.
Sie kannte sich überall aus, und teilte mir dies auch mit.
Dass sie bei mir putzte war eine große Ehre für mich.
Darum war es auch selbstverständlich, dass ich ihr mehrere großzügig bemessene Pausen zugestand.
Als sie mein sündhaft teures Parfüm zerbrach war mir auch klar:
Diese Frau kümmert sich nicht um solche Äußerlichkeiten wie Parfüms.
"Ist gewesen kleines Probefläschchen - mein Mann sagt immer - hast du nicht nötig zu putzen."
Und als sie durch meinen antiken Beistelltisch brach - ein Erbstück - empörte sie sich sehr.
"Warum hast du so alte Plunder? Mein Mann sagt immer: hast du nicht nötig so alte Plunder zu putzen."
Das wars dann.
Sie hat gekündigt.
Die Nächste kam mit einem Mercedes vorgefahren.
Der Rest der Familie wartete immer im Auto auf sie.
Mit laufendem Motor.
So schnell wie sie war niemand.
Aber ich musste ja auch vorarbeiten.
Kinderzimmer piccobello aufräumen, vorsaugen, Badezimmer waren eh tabu für sie...
Da hab ich dann gekündigt.
Die dritte im Bunde war so nett.
Und wahnsinnig belastet durch ihre Familie.
Ihr ältester Sohn saß momentan im Gefängnis.
Und sie hatte niemanden, der mit ihr da hinfuhr.
Und außerdem auch keine Zeit.
Natürlich bin ich mit ihr nach Siegburg gefahren.
Jeder anständige Mensch hätte das getan.
Und für mich wars ja auch ein Erlebnis.
Ich habe zugesehen, wie er das Geld, das sie bei mir verdiente - also dafür bekam, dass sie mich mitnahm zu ihrem Sohn - unauffällig in seinem Mund verschwinden ließ.
Wow.
Sowas kennt man ja sonst nur aus dem Kino.
Und ich dabei, sozusagen in erster Reihe.
Wir haben in dieser schweren Zeit ihm so manches vorbeigebracht.
Fernsehapperate, Musikanlagen, Berge von marokkanischem Essen.
Und es funktioniert.
Man soll es nicht für möglich halten, was so durch ne Kontrolle geht.
Aber eines Tages kam sie nicht mehr zu mir.
Ich weiß auch nicht warum.
Hab mich doch ehrlich bemüht.
Seitdem habe ich eingesehen- ich mache es lieber selber.
Auch jeder Ansatz meine Kinder zu ordentlichen und putzwütigen Menschen zu erziehen, erstirbt jedesmal im Keim.
Egal welche Wege ich suche-
Arbeitspläne
Listen
Bonuspunkte
Versprechungen
Bestechungen
Drohungen -
Es will einfach nicht funktionieren.
Die Armen haben ja auch besseres zu tun.
Telefonieren, YOU TUBE schauen, SMS Schreiben, Shoppen, Außerirdische überwältigen...
Ich werde halt doch noch mal den spirituellen Ansatz ausprobieren.
Meditative Reinigung.
Vielleicht war ich bislang einfach noch nicht soweit.
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