Mittwoch, 9. Dezember 2009

Fünf Minuten vor der Zeit


Heute hätte mein Opa allen Grund gehabt auf mich stolz zu sein.

Märchenauftritt im Kindergarten.
7.30 Uhr sollte ich dort sein.
Um 5 Uhr bin ich aufgewacht, meine innere Uhr weckte mich ein wenig sorgenvoll-bloß nicht verschlafen.
Nach einem schnellen Frühstück mit Kaffee und Dresdner Christstollen-Orginal-meiner allerliebsten Cousine Uli sei Dank- gings frisch ans Tagewerk.
Meine ganzen Requisiten 5 Stockwerke runtertragen, mein Harfe ebenfalls 5 Stockwerke runterschleppen-
Dabei den Gedanken verscheuchen, warum ich nicht Mundharmonika als Instrument ausgewählt habe.
Mit überhöhter Geschwindigkeit auf Schleichwegen nach Mönchengladbach fahren.
Alles ausladen.
Mit einem fröhlichen "Guten Morgen" auf den Lippen kam ich pünktlich an.
Nur, dass ich es mit der Pünktlichkeit etwas übertrieben habe.
Nämlich um einen ganzen Tag.
24 Stunden zu früh!

Mein Opa wäre so stolz auf mich.
Täglich mindestens einmal ließ er uns wissen:

"Fünf Minuten vor der Zeit ist Soldaten Pünktlichkeit."

Dass seine Enkeltochter seine liebste Devise so in ihre Seele eingesogen hat,ob er das wohl je zu wünschen gewagt hätte?

Mein Opa war ja ein gestrenger Herr.
Äußerlich einem gewissen deutsch - österreichischen Diktator nicht unähnlich, hatte er sein Leben stets im Griff.
Als ich ein kleines Mädchen war, spielte er mit mir stundenlang Karten.
Mau Mau.
66.
Und führte gewissenhaft Buch über Siege und Verluste.
Es war so ein kleines Vokabelheftchen.
Mit einem Bleistiftstummel trug er die Punkte ein.
Und immer leckte er vor dem Schreiben über die Miene.
Und brummte dabei.

Ein einziges Mal habe ich mich dazu hinreißen lassen zu schummeln.
Mein Opa aß während des Spielens stets einen Joghurt.
Natur.
Pur.
Ohne Zucker.
Ich sehe noch heute vor mir, wie der Joghurt an der Wand runterlief.
Wie sich der Becher leicht nach vorne neigte, seine Flugbahn nur unmerklich verließ und dann gegen die Wand prallte.
Ja, er war jähzornig, mein Opa.
Und er hasste es offensichtlich betrogen zu werden.
Im Jähzorn steckt noch mehr, als in Cholerik.
Noch mehr Wut.
Und dieser Jähzorn war stets dicht unter der brodelnden Oberfläche.

Er hielt auch gar nichts von neumodischem Kram.
Als meine Eltern stolz einen Couchtisch erstanden-in den 70igern ein MUSS,
sprach er tagelang kein Wort mehr mit ihnen.
"Neumodischer, unnötiger Kram."
Und ich konnte beobachten, wie er ihn, den Couchtisch, jeden Tag mit Polyboy polierte.
Aber wenn keiner hinsah, hat er ihn getreten.
Richtig und mit Genuss.
"Dreckstisch, du...."
Um dann im selben Atemzug wieder sein Polyboyläppchen hervorzuholen, um ihn liebevoll einzureiben.

Auch der Kauf unseres ersten Autos durfte Opa nie erfahren.
Wir sind also heimlich Auto gefahren.
Und immer mit schlechtem Gewissen.
Und in grosser Sorge, dass er es erfahren könnte.

Ja, er war ein strenger Herr.
Aber heute wäre er sehr stolz auf mich gewesen.

24 Stunden vor der Zeit...


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