Sonntag, 13. Dezember 2009
Container
Neulich, da brauchte ich ein Bahnticket.
Es gibt da ja allerlei Verbrauchergünstige Angebote der Bahn AG.
Nicht immer so leicht zu durchschauen mit welcher Sparvariante man tatsächlich spart, aber der gute Wille der Bahn zählt.
Unser örtliche Hauptbahnhof wird mal wieder saniert.
Gründlich und jenseits einer absehbaren Zeitachse.
Aber für mich.
So propagiert es die Bahn AG.
Überall steht es Schwarz auf Weiss.
"Wir bauen für Sie um."
Darum auch sind alle Schalter vorübergehend geschlossen.
Stattdessen darf man in einen Container.
Ungeheizt.
Wahrscheinlich aus einer höheren Verantwortung unserer Umwelt gegenüber.
Die Bahn geht stets gerne mit gutem Beispiel voran.
Beim Betreten des Containers nehme ich ca 15 Menschen wahr, die brav eine Reihe gebildet haben.
Am Schalter eine Dame, die die Ruhe selbst ist.
Jedem gibt sie das Gefühl, dass sie alle Zeit der Welt hat.
Dass sie ganz für den Kunden da ist.
Ganz und ausschließlich.
Sicher hat sie einen dieser Kurs belegt, wo man lernt , trotz äußerem desolatem Zustand, den Menschen ein gutes Gefühl zu vermitteln.
Sie bediente gerade ein älteres Ehepaar.
Die gemeinsam nach Berlin fahren wollten.
Verwandtenbesuch. Aber nicht nur. Auch Kultur.
Und sie wussten noch nicht genau, wie lange sie bleiben wollten.
Das hinge ja auch vom Wetter ab.
Aber nicht nur, weil, vielleicht hätten sie ja einen Termin bei ihrer Augenärztin(ich hoffte, nicht bei der mir bekannten...)
Egal.
Nach dem Berlinbesuch wollten sie nach Bergisch-Gladbach.
Und dort ne Nacht bleiben.
Aber der Mann bliebe 2 Nächte.
Sie müsse leider früher zurück.
Und er habe ein Ticket 75.
Sie ein Schoko-oder Bärenticket.
Oder Ticket 1000?
Es war äußerst komplex.
Und die Mitarbeiterin am Schalter gab ihnen die ganze Zeit das Gefühl, dass sie ihr alles anvertrauen könnten.
Mein Gott, was für eine gute Ausbildung sie durchlaufen hat.
Wir anderen, also inzwischen so an die 23 Menschen, verfielen in so eine Art meditative Starre.
Selbstschutz.
Und weils so kalt war, rückten wir ein wenig näher.
Da hatte ich einen Lichtblitz.
Ich könnte ja schon mal nach dem Antrag fragen, das würde Zeit sparen.
Es war eine wirklich gute Idee.
Ich bekam ihn auch mit einem nachsichtigen Lächeln gereicht.
Und dieses Lächeln teilte mir mit, dass ich nur noch ein klein wenig Geduld haben müsste, und dann alles fragen dürfte.
Da stellte ich fest, dass ich ohne Lesebrille unterwegs war.
Und da ich meine Mitwartenden schon ca. eine Stunde kannte, fragte ich in die Runde:"Hat jemand ne Lesebrille dabei?"
Und in diesem Moment veränderte sich alles.
Wie bei Dornröschen, als der Prinz die Hecke durchdrang, und alles aufwachte.
Der katatonische Gruppenzustand löste sich umgehend auf.
5 Menschen reichten mir sofort ihre Brillen.
4 suchten in ihren Taschen.
2 boten mir an, den Text zu lesen.
Die junge Tamilin vor mir plauderte fröhlich mit mir übers Reisen.
Die Dame hinter mir bekam das großzügige Angebot ein Tierchen aus ihrem Haupthaar entfernt zu bekommen.
Von einem großgewachsenen Obdachlosen.
Der genau hinter ihr stand und freien Blick auf ihr frisch onduliertes Haar hatte.
Der auch gar nicht die Antwort der Dame abwartete, sondern handelte.
"Ich glaub, sie haben Läuse, Gnädigste"
Worauf alle ein wenig auseinander rückten.
"Ne, is nur ne Ameise."
Alle rückten wieder zusammen, und die Dame bedankte sich.
Mit Handschlag.
Worauf ihr Retter fragte, ob jemand was dagegen hätte, wenn er die Heizung hochdrehen würde, seine Socken ausziehen und selbige daran trocknen würde.
Wir hatten ja Zeit.
Alle waren einverstanden.
Der Moment war gekommen, dass ein östlich aussehender Herr sein Vodkafläschchen aus der rechten Brusttasche zog.
Und rumgehen ließ.
Ah, das tat gut.
Nun machten wir uns mit vereinten Kräften an das Ausfüllen meines Antrages.
Alleine hätte ich das auch kaum geschafft.
Zwischendrin war ich mir unsicher, was die ganzen Fragen mit Zugfahren zu tun hätten.
Und ich fragte mich, wie Menschen mit nur rudimentären Deutschkenntnissen solch einen Antrag ausfüllen Können.
Aber Oleg aus Kasachstan hatte da zum Glück Erfahrung.
Mit deutschen Anträgen.
Was man überlesen sollte, was nicht.
Mike, der Obdachlose, war inzwischen mit Vera, der Dame mit der Ameise im Haar, zum zwanglosen DU übergegangen.
Oleg sang uns eine dieser wirklich melancholischen russischen Volksweisen vor.
Beim Abschied hatte der eine oder andere Tränen in den Augen.
Die Bahn weiß, wie man Menschen zusammen führt.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen