Im Laufe des Lebens bekommt man ja den einen oder anderen Heiratsantrag.
Und dies ist stets ein romantisches, oder aber zutiefst schockierendes Ereignis.
Meinen ersten Antrag bekam ich im zarten Alter von 4 Jahren.
Von Eusebion Fernandez.
Meinem Kindergartenfreund.
Wir waren beide frisch zugezogen.
Hatten beide Mühe mit der Sprache- er kam aus Indien und ich aus dem 30 Km entfernten Schwarzwald.
Wir wurden beide nicht verstanden.
Von den anderen.
Und zwar nicht nur auf verbaler Ebene.
Aber wir, wir liebten uns auf den ersten Blick.
Eusebion durfte nachmittags mit mir spielen.
Und in seiner weiten Hose hatte er einen großen Wecker stecken.
Dieser klingelte stets um 17 Uhr.
Sein Zeichen für den Aufbruch.
Laut, schrill und unwiderruflich zerstörte der Wecker unser Spiel.
Um diesem Geräusch zu entkommen war eine Hochzeit doch der schnellste und beste Weg.
Dies schlug Eusebion dann auch eines Tages strahlend vor.
Ich willigte ebenso strahlend sofort ein.
Unsere Eltern wollten aber nicht.
Zu groß erschien ihnen der kulturelle Unterschied.
Schade.
Den nächsten Antrag bekam ich von Frank Triller.
2. Klasse.
Wir hatten den gleichen Schulweg.
Und das gleiche schneckenartige und verträumte Tempo.
Und die gleichen Interessen.
Das sind gute Voraussetzungen für eine glückliche Ehe.
Wir liebten es, uns gegenseitig in dem gigantischen Sandberg einzugraben, der sich am Rande einer Baustelle befand, an der wir täglich 2 mal vorbei mussten.
Keiner hat mich jemals wieder so liebevoll in Sand gehüllt wie Frank.
Und als ich dann eines Tages wieder bis zum Hals in der Sandgrube hing, da fragte er mich.
Ob ich bis zum Ende meines Lebens mit ihm sandeln wolle.
Ich bin ihm noch heute die Antwort schuldig.
Was war ich doch feige.
Meine nächste Liebe bot mir mit 12 die Ehe an - mit einem einzigen, kleinen Zugeständnis meinerseits.
Ich sollte von Französisch zu Latein wechseln.
Denn schließlich wusste jeder, dass die Französisch Wählenden eindeutig dümmer seien, als die Lateiner.
Und er wollte unsere Ehe nicht mit solch einem Geschwätz hinter unseren Rücken belasten.
Und auch nicht mit der Frage:Ist sie wirklich nicht klug genug für Latein?
Ich blieb bei Französisch.
Was mein Glück war.
Dadurch verstand ich nämlich den nächsten Heiratswütigen.
Nach Jahren des Wartens bekam ich mit 15 Jahren den nächsten Heiratsantrag.
Von dem Bürgermeister eines kleinen elsässischen Dorfes.
14. Juli.
Nationalfeiertag.
Im Laufe der Feierlichkeiten fand ich mich überraschender Weise auf seinem Schoss wieder.
Und mit seinem unvergleichlichen Humor brachte er mich so zum Lachen, dass- naja- es buchstäblich in die Hose ging.
In meine.
Und was wünscht man sich als Mann mehr!
Eine Frau, die aus ganzem Herzen über schlecht gemachte Witze lacht.
Sein Antrag war mit einigem zeitlichen und organisatorischem Aufwand verbunden, ich sollte erstmal noch warten, bis er geschieden sei.
Aber dann würde er mich Tag und Nacht zum Lachen bringen...
Auf einer Ferienreise nach Frankreich, an die schöne Dordogne, lernte ich mit 17 Alfred kennen.
Einen 83 jährigen Franzosen, der genauso aussah, wie der Großvater bei den Waltons.
Großgewachsen, Cordhose mit Hosenträger, treuer Hund an seiner Seite, schlohweißes Haar.
Er nahm uns zum Angeln mit und reichte uns selbstgebraute Limonade.
Wohnte an einem verwunschenen See und beim Abschied weinte ich.
Weils halt so schön war.
Alfred hat mein Weinen allerdings missverstanden.
3 Wochen später klingelte es an der heimischen Haustür.
"C'est moi. Alfred."
Der Gute kam die 4 Stockwerke hoch, nahm mich in die Arme(gleichzeitig klatschte er mir auf den Po), verbeugte sich vor meinen Eltern und bat um meine Hand.
Formvollendet.
Am Todesbett seiner Frau habe er ihr versprochen noch einmal eine Frau glücklich zu machen.
Und seine Wahl sei auf mich gefallen.
Um meinen Eltern zu beweisen, wie ernst er es meinte, holte er aus seinem Mantel einen Bündel Dollarscheine.
Jeweils 10 zusammen geheftet.
Dann gabs da noch einen Bündel mit Schweizer Franken.
Rubel waren auch im Spiel.
Meine Eltern waren sprachlos.
Ich auch.
Alfred beteuerte noch, dass er durchaus auf allen Ebenen in der Lage sei eine Frau glücklich zu machen.
Dabei zwinkerte er meinem Vater zu.
Der mich dann böse anfunkelte.
Alfred blieb 2 Wochen.
Meine Eltern konnten sich nicht gegen ihn durchsetzen.
Ein starker Mann.
Ein Mann der Tat.
Ich war in der Zeit kaum zu Hause.
Alfred ging mit den Worten:"Ich kann warten, Cherie."
Dann gab es da einen afrikanischen Freund.
Der einfach nicht locker ließ.
Allah hat ihm nämlich zu dem Schritt geraten.
Es ging dabei um meine Rettung.
Dass ich durch die Heirat mit ihm die Chance auf einen Platz im Himmel bekäme.
Es ging nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung für ihn.
Nein.
Was für ein Gedanke.
Nein, es sei einfach das allerbeste für mich.
Als sichere Aufenthaltsgenehmigung für den Himmel.
Außerdem bräuchte ich nicht mal mit zur Feier und dem Ritual.
Als Nichtmuslima bräuchte ich einfach nur ja zu sagen.
Von zu Hause aus.
Wow. Wie praktisch.
Von Zeit zu Zeit schneit er immer noch bei uns rein.
Und obwohl er inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, kommt das Thema Heirat trotzdem auf den Tisch.
Und zwar an dritter Stelle.
1."Warum kochst du so schlecht? Du bist doch eine Frau!"
2."Ich hab die richtige Zahlenkombination für den Lotto-Jackpot geträumt.
Allah hat dich ausgewählt, mir das Geld für den Schein zu leihen."
3."Wann heiratest du mich endlich?"
Ja, und seit Wochen steht mein Fahrrad kaputt an der Straße.
Weil ich mich nicht mehr in die Fahrradwerkstatt traue.
Der dort jobbende, freischaffende Künstler, mit dem ich ein wenig geplaudert habe - wirklich nicht mehr, der lud mich unlängst zu unserem Portugiesen ein. Nur auf ein Weinchen.
Um es kurz zu machen.
Er hatte beschlossen, mich zu heiraten.
Auch er dachte dabei nur an mich.
Er käme ja bald in Rente, und da wärs doch blöd, die Rente nur für sich zu gebrauchen.
Außerdem, wenn er stürbe, dann hätte ich auch was davon.
Wir könnten direkt morgen zum Standesamt.
Er hatte sich schon mal erkundigt...
Dann zeigte er mir ein beglaubigtes Gesundheitszeugnis.
Mit Stempel.
Ich taumelte zur Tür hinaus.
Seit dem steht mein Fahrrad an der Straße.
Kaputt.
Dann gibt es dann noch ein paar nicht wirklich ernstgemeinte Anträge, wie zum Beispiel von einem kleinen Jungen, dem ich des öfteren vorgelesen habe,und der sich wünschte eine Frau zu heiraten die ihm bis an sein Lebensende in den Schlaf las - Meinem Erstgeborenen, der vorschlug, dass Papa ja auch nett in nem eigenen Appartement wohnen könne, und er sowieso besser Memorie spiele, als Papa.
Der Antrag von dem netten Berber in Tunesien, der mir anbot mit ihm gemeinsam durch die Welt zu reiten und mir neue, schönere Kinder machen wollte.
Oder der Antrag eines Obdachlosen, mit dem ich einfach nur ein Bier trank...
Wirklich spannend ist die Frage, was geworden wäre,wenn ich die jeweiligen Anträge angenommen hätte.
Würde ich in Frankreich leben,mit Alfred, der inzwischen mit seinen über 100 Jahren mich sicher immer noch glücklich machen würde?
Wäre ich in Tunesien mit Ali und unseren 8 Kindern am richtigeren Platz?
Oder in Afrika?
Vielleicht hätte ich da ein Restaurant mit gut-bürgerlicher deutscher Küche.
Weit weg von der Heimat weiß ja niemand, wie es schmecken soll...
Würde ich mich noch immer mit Frank durch die Sandkästen der Welt wühlen?
Wäre ich glücklich, unglücklich, glücklicher, unglücklicher?
Aber eines weiß ich: Ich habe mich stets bei jedem Heiratsantrag geehrt gefühlt, und auch immer ernsthaft darüber nachgedacht.
Montag, 21. Dezember 2009
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