Sonntag, 20. Dezember 2009

Fußball

Mein jüngster Sohn ist Fußballer.
Mit Leib und Seele.
Und Schalke Fan.
Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, dass Fußball eine ernste Sache ist.
Bierernst.

Seit dem von mir herbeigeführten Sieg von Schalke über Wolfsburg(in der alles entscheidenden Verlängerungsminute) habe ich nun auch einen gewissen Zugang zu dieser Sportart.

Es begann damit, dass bei einem Mittelalterfest plötzlich ein gewandeter und grimmig aussehender Mann, in Felle gehüllt und mit nackter Brust, auf meinen Sohn zu kam, und ihn aufforderte:"Schlag ein Kumpel."
Wo rein?
Was wollte dieser Berserker von meinem Kind?
"Schalke für immer."
Ah, jetzt verstand ich.
Mit dem selektiven Blick eines wahren Fußballfans nahm der Typ wahr, dass mein Kleiner ein Schalkeschweißband trug.
Es war nur ein Hauch dieses SchalkeBlaus zu erahnen.
Dies aber reichte für einen Berserker.
"Du, ich hab Jahreskarten fürs Stadion. Soll ich dich mal mitnehmen.
Das Leuchten in den Augen meines Filiuses war selbstredend.
Ja, und da es ein ganz authentischer Mittelaltermarkt war, bei dem es weder Papierservietten, Bierdeckel und ähnliches gab, schrieb der Herr seine Telefonnummer auf nen Fetzen Stoff.
Mit Kohle, oder Blut.
Halt ganz archaisch.
Der Stofffetzen wurde bei uns zu Hause dann an die Wand genagelt.
Und täglich ging dieses gloriöse Strahlen von dem Fetzen aus.
Und täglich streichelte mein Jüngster den Stofffetzen mit Inbrunst.
Und nach einigen Wochen des Weichkochens hatte mein Fußballer mich soweit.
Ich griff zum Hörer und rief den Berserker an.
Zwei Wochen später war es dann soweit.
Er holte uns ab.
Gemeinsam mit noch nem anderen Wahnsinnigen fuhren wir in die Arena Schalke.
Schon ein erhebendes Gefühl, inmitten tausender Fans zu sitzen.
Uns gegenüber waren ein paar einzeln versprengte Wolfsburgfans.
Ein armselig kleines Häufchen.
Und als Wolfsburg dann das erste Tor schoss, da konnte ich nicht anders.
Die Fans und die Spieler brauchten meinen Zuspruch, meine Begeisterung.
Ich sprang auf, und jubelte ihnen zu.
Es schoss nur so aus mir raus.
Wenn ich nicht eine Frau wäre, ich weiß nicht, was man mit mir gemacht hätte.
Mein Sohn riss links an mir:"Peinlich Mama, dich nehm ich nicht mehr mit."
Der Berserker riss rechts an mir.
"Bist du wahnsinnig?"
Und dabei fraß er mich mit seinem Blick fast auf.
Der Typ direkt hinter mir drückte mich wortlos wieder in den Sitz.
Und dann sah es schlecht aus.
Für Schalke und mich.
Wolfsburg führte nämlich.
Und unser Berserker brüllte und johlte und holte sich ein Bier nach dem anderen.
Oje, was, wenn Schalke verlieren würde?
Es gab da ne Verlängerungsminute.
Und in dieser Minute warf ich mich ins Zeug.
Ich flehte Gott an, dass, falls er mich noch auf Erden sehen möchte, Schalke gewinnen lassen solle.
"Bitte lieber Gott, lass Kuranyi ein Tor reinbrettern.Für mich.Ich will fortan auch nie mehr über den Namen Kevin lästern."
Es hat funktioniert.
In allerletzter Sekunde hat Schalke gewonnen.
Durch mich.
Und unser Berserker hat mich bei diesem grandiosen Tor weinend in die Arme gerissen und mir verziehen.
Wenn der wüsste, dass ich das Tor herbeigeführt habe.
Auf der Rückfahrt wurde sein Laune dann aber doch wieder getrübt.
Es war kein eindeutiger Sieg, und überhaupt:Gegen Wolfsburg.
Der Spaß hat mich dann auch über 70 Euro gekostet.
Zwei Plätze auf Schalke, ca. ein knapper Kilometer vom Geschehen entfernt sind halt was wert.
Und jetzt weiß ich endlich, was "Abseits" ist.
Und ein Fallrückzieher.
Und wann man wem zujubeln darf.
Und, dass Gott halt auch im Fußballstadion zu finden ist.
Als Schalkefan.


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