Donnerstag, 17. Dezember 2009

Nachbarschaft II

Wenn man im Laufe seines Lebens häufig die Wohnorte wechselt, bekommt man als Dreingabe ja auch immer wieder neue Nachbarn geschenkt.
Die Tage musste ich plötzlich an Dieter denken.
Und was wohl aus ihm geworden ist.
Dieter war mein Nachbar aus alten Schauspielschulzeiten.
Die Schule war in Basel, ich wohnte in Weil am Rhein.
Ein typischer Grenzort.
Uncharmant, verwaschen, auf Durchzug getrimmt.
Mit einer vielfältigen Anzahl an Billigstläden und Erotikshops und Bars.
Alles für unsere Nachbarn aus der Schweiz.
Ich wohnte so nah an der Schweiz, dass sich der Luftraum meines Balkons schon in der Schweiz befand.
Dieter also war einer meiner liebsten Hausgenossen.
Damals so um die 40, gerade bei Mama ausgezogen und stockschwul.
Und aus irgendeinem Grund hatte er mich als Freundin auserkoren.
Kam ich nach Hause, stand Dieter schon an der Türe.
"Schätzchen, ich hab gekocht und dir was übriggelassen."
Anfangs fand ich das rührend, zumal ich ein essender Mensch bin, und mich immer über ein kulinarisches Geschenk freue.
Aber nach ein paar Wochen wurde mir klar-der Mann hasst es, Töpfe zu putzen.Und eigens dafür kochte er immer ein wenig mehr.
Sein liebes Schätzchen brachte die Töpfe auch brav gespült zurück.
Ich durfte Dieter auch in stylistischen Fragen beraten.
Wie mit einer guten Freundin wurde da vor jedem neuen Date der ganze Kleiderschrank durchprobiert, die wildesten Farbkombinationen ausgetestet und wieder verworfen.
Außerdem redete ich ihm täglich ins Gewissen, endlich seiner Mama seine Homosexualität zu gestehen.
Die Gute hatte keine Ahnung, was ihr liebes Dieterlein so trieb.
Lustig wars stets, wenn Dieter eine Party gab.
Ich hatte die Ehre als eine der wenigen Frauen geladen zu werden.
Es ging wild, bunt und schrill zu auf Dieters Partys.
Und immer, wirklich immer endeten sie gleich.
Jedesmal übergab sich jemand auf Dieters Balkon, es landete stets in der Schweiz.
Und immer weinte Dieter am Ende seiner Partys.
Weil er so glücklich war.
Weil er sich unglücklich verliebt hatte.
Weil es schon zu Ende war.
Weil er sich übergeben hatte.

Nur manchmal endetet so eine Feier mit einem Polizeieinsatz.
Die kannten Dieter und hatten Wichtigeres zu tun.
Zum Beispiel 3 Mal die Woche bei den Nachbarn direkt neben uns das Leben zu regeln.
Eine Familie, wie aus einer Soap.
Mama im Leopardendress, üppigst geformt und mit Fingernägeln geschmückt, mit denen sie kaum ihre Zigaretten halten konnte.
Sie ging offiziell anschaffen.
Ihr arbeitsloser Mann war ihr Zuhälter.
Es gab da noch eine Tochter, die frisch verheiratet war.
Mit einem Italiener.
Ein kleiner blasser Sohn tauchte hin und wieder auf.
Die Gründe, wegen der die Polizei kam, waren erstaunlich mannigfaltig.
Schlägereien- wobei meistens die Mama gewann.
Drogenrazzien.
Prostitution.
Hehlerei.
Schiesserein.
Zuletzt bei der Verlobung der Tochter mit ihrem Italiener.

Und bei der vorübergehenden Trennung der Tochter.

Und als der Italiener zur Mama Hure gesagt hat, da zog dann ihr Mann die Pistole.
Komischerweise ist nie was ernsthaft passiert.
Und die ganzen Einzelheiten wusste ich von Ernst.
Der wohnte unter mir.
Er arbeitete im selben Etablissement wie Mama von nebenan.
Allerdings als Rausschmeißer und Filmvorführer.
Sonntags war er der Organist in der Kirche.
In der katholischen.
Und er übte den ganzen Tag auf seiner elektrischen Orgel.
Bachkantaten.
Maria durch ein Dornwald ging.
Da haben Dieter und ich oft aus Rührung weinen müssen.

So eine innige Nachbarschaft bekomme ich nicht mehr so schnell.
"Lieber Dieter, falls du diese Zeilen lesen solltest:
Es war schön mit dir. Und die Töpfenummer hab ich dir auch verziehen."


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