Mittwoch, 23. Dezember 2009

Klosterleben



Mein Papa war Hausmeister in einem Ursulinenkloster.
Mit dazugehörendem Internat und Schule.
Natürlich nur für Mädels.
In 13 klosternahen Jahren erlebt man so einiges.
Kurioses, Berührendes und Seltsames.
Besonders als Kind gab es für mich nichts Schöneres, als stundenlang im Kloster rumzuschwirren.
Es gab Schwestern, die liebte ich aufrichtig, es gab welche, die ich einfach nur fürchtete.
Der Altersdurchschnitt der Damen lag bei 89,3 Jahren.
Meine Mutter behauptete immer, dass ihr hohes Alter darauf zurückzuführen sei, dass die Nonnen sich nicht mit Männern herumärgern müssten.
Das schien mir doch sehr erstrebenswert.
Wer will schon wegen Männerärger früh sterben?
Drum beschloss ich im zarten Alter von Sieben, ebenfalls ins Kloster zu gehen.
Täglich machte ich meine Beobachtungsrunde.
Erst gings durch die langen Flure, in denen so eine Stille herrschte, dass auch ich nur ehrfürchtig dahinglitt, und im Geheimen den ehrwürdigen Schritt der Oberin übte.
Mein erster Halt war stets im Bügelzimmer.
Jahrein- Jahraus saßen da zwei Schwestern und erfüllten demütig ihre Pflicht.
Fürs ganze Kloster Wäsche waschen, bügeln und falten.
Immer die gleichen Handreichungen.
Welch meditative Arbeit.
Und sie schienen wirklich zufrieden mit ihrer Aufgabe.
Selbst die dicke Perserkatze, die auf dem Wäscheberg thronte, gähnte täglich auf die gleiche Art.
Weiter gings zur Pforte.
Dort überwachte Schwester Majella streng die Besucher, die ins Kloster oder zu den Mädels ins Internat wollten.
Telefonate wurden mitgehört, Briefe gelesen - notfalls unter heißem Dampf geöffnet - Besucher unter die Lupe genommen.
Manchmal bekam ich kleine Dedektivaufträge von ihr übertragen.

Eine Schwester war für den Müll zuständig.
Diese Aufgabe nahm sie sehr ernst.
Ich glaube fast, dass sie die Erfinderin der Mülltrennung war.
Denn täglich kontrollierte sie die Abfalleimer des Klosters, der Schule und des Internats.
Vor der Turnhalle standen zwei gigantisch große Müllcontainer.
Beim Durchwühlen selbiger hatte sie eines Tages das Übergewicht verloren.
Als ich am Container vorbeikam, schauten da zwei schwarzbestrumpfte Beine, die in Schnürstiefeln steckten, hervor.
Ein dumpfes Hilferufen war zu vernehmen.
Mein Papa hat sie dann gerettet.

Dann gab es eine Nonne, die mich drei mal die Woche damit beauftragte ihr etwas zu besorgen.
Kloster Frau Melissen Geist.
Für ihre schwachen Nerven.
"Kindlein, Gott wirds dir vergelten."
Und dann setzte sie stets das Fläschen vor meinen Augen an ihre Lippen.
Der seelige Ausdruck, der sich dann auf ihrem Gesicht breit machte, den werde ich wohl nie vergessen.
Am eindrucksvollsten aber war Weihnachten im Kloster.
Denn wir hatten die ehrenvolle Aufgabe für die Weihnachtsstimmung zu sorgen.
So als Familie.
Los gings mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche.
Eigentlich gings schon Stunden vorher los.
Weil keiner aus unserer Familie so rechte Lust auf die Klosterweihnacht hatte.
Außer mir.
Aber wenn wir dann gemeinsam mit den Schwestern in der Kirche saßen, und die ersten Orgelklänge anschwollen, dann wars doch schön.
Oft schön schräg.
Mein Papa war stets der Erste, der einschlief.
Laut schnarchend.
Dicht gefolgt von Schwester Germana.
Dann kamen auf Platz 3 und 4 die Bügelschwestern.
Am Ende dieser Messen waren die Oberin und ich so ziemlich die einzig wachen.
Und sie zwinkerte mir dann immer zu.
Ertönte die Orgel mit "Stille Nacht", dann erwachten wieder alle.
Und waren sich einig darüber, dass es mal wieder eine schöne Weihnachtsmesse war.
Im Anschlss gings ins Refektorium zur Bescherung.
Allerdings bekamen nur mein Brüderchen und ich ein Geschenk.
Stets ein Kreuz, Rosenkranz, christliches Büchlein.
Und stets mussten wir uns wahnsinnig freuen.
Und zwar nicht mit dieser inwendigen Freude, nein, die Schwester wollten gerne wilde Kinderfreude erleben.
Und um uns herum standen dann mit erwartungsvollen Augen an die 25 Nonnen.
Und die wollten nur eines sehen:
Tränen der Rührung und der Dankbarkeit, ob der schönen Geschenke.
Wir taten unser Bestes.
Waren wir gut, so wurden wir prompt belohnt.
Nämlich mit Tränen der Rührung und Dankbarkeit seitens der Schwestern.
Nein, wir haben nicht gelogen.
Wir wollten sie einfach nur glücklich machen.
Es war schließlich Heilig Abend.
Hatten wir dies überstanden, gings zu Tisch.
Stets auch da die gleiche Aufschnittplatte.
Garniert mit Petersilie und Ei.
Hin und wieder gabs auch ein Süppchen vorneweg.
Jede Schwester bekam zur Feier des Tages ein halbes Glas Bier.
Und gerade dann, wenns endlich locker und lustig wurde, und die ersten Schwestern mit roten Wangen heimlich nachschenkten, da erhob sich die Superiorin mit den Worten:"Jetzt haben wir aber genug gefeiert. Unsere lieben Gäste sind müde.Wir wollen uns nun zurückziehen."

Das wars dann wieder für ein Jahr mit dem Rumgefeiere.
Schade, ich weiß gar nicht mehr, zu welchem Zeitpunkt ich meine Klosterkarriere aufgab - zu Gunsten des Männerrumärgerns.
Wieviele Jahre ich wohl mit kontemplativen Bügeln gewonnen hätte?

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