Dienstag, 1. Dezember 2009
Frau Dr. Dr.
Also,
neulich, da hab ich ja meine erste Lesebrille gekauft - nein, nicht bei Fielmann, sondern in meinem absoluten Lieblingsladen HEMA.
Da gibt es alles.
Schrille Lesebrillen, Pindakaas, rotgepunktete Unterwäsche und Poffertjes.
Natürlich auch Hagelslaag.
Und zwar in allen Farben.
Sehr zu empfehlen, da beginnt der Tag zwar mit einigen unangenehmen
E-Werten, aber sehr fröhlich.
Man muss Prioritäten setzen.
Jedenfalls bin ich davor erstmal ganz brav zu nem Augenarzt gegangen.
Besser gesagt zu einer Ärztin.
Mit einem östlich klingenden Namen.
Und zweimal promoviert.
Und mit dem Fahrrad zu erreichen.
"Da kann eigentlich nichts schief gehen."
Dachte ich.
Und ich bekam sogar noch in der gleichen Woche einen Termin.
Da hätte ich wohl schon hellhörig werden sollen...
Die Praxis war ganz im Retrostil gehalten.
Seit 1954 nicht mehr renoviert.
Aber den anderen Patienten, deren Durchschnittsalter bei 87,3 Jahren lag, und deren Dioptriezahl dem Alter durchaus angemessen war, schien die Atmosphäre vertraut, geradezu heimelig.
Und ich liebe ja auch die alten Dinge.
Und wer sagt denn, dass ne Arztpraxis partout steril sein muss?
Leider hatte ich die Praxisgebühr nicht passend.
Eine der Helferinnen versuchte bei der lieben Frau Doktor zu wechseln.
Ein Aufschrei ging durch die ganzen Räume.
"Was??Ich soll wechseln Geld??Ich hab kein Geld!!Alle wollen immer etwas von mirrrr."
Da von meinen Mitwartenden keiner auch nur mit der Wimper zuckte, tat auch ich so, als hätt ich nichts gehört.
Dann wurde ich aufgerufen.
Nahm auf einem Behandlungstuhl Platz, den ich sicher bei EBAY für ein Vermögen hätte verkaufen können.
Antiker Charme aus der Vorkriegszeit.Aus der rechten Armlehne arbeitete sich eine dunkle, undefinierbare Masse.
Unauffällig bemühte ich mich, weder auf diese gruselige Füllmasse zu starren, noch mir meine Verunsicherung anmerken zu lassen.
Mein Gott, ich hab schließlich auch den Jakobsweg mit all seinen Tücken überstanden.
Links gab es keine Armlehne.
Statt einer langsamen Annäherung und Begrüßung bekam ich nur die Frage entgegengebellt:"Was wollen sie von mirrr?"
Da hätt ich gehen sollen.
Bin ich aber nicht.
Bevor ich auf ihre Frage etwas antworten konnte, drückte sie mein Gesicht gegen ein vorsintflutliches, schmieriges Gerät.
Damit versuchte sie mein Augenlicht zu ruinieren.
Als ich schrie - und zwar mit gestützter Atmung - schnauzte sie mich an.
"Was machen sie fürrr Theater? Ist Augendruckmessung.Ist ausgegangen Tropfen für Augen. Geht auch so."
Während ich schmerzverzerrt auf dem Stuhl saß, kam ihr Filius in den Raum.
So 12 Jahre alt.
"Mama, was ist Aids?"
"Haben wir das auch?"
"Ich erzähle dirr später, muss arbeiten."
Sie bat mich nun in ihr Sprechzimmer.
Ihr Sohn huschte an mir vorbei, um Erster zu sein.
Durch den Tränenschleier konnte ich auch hier erkennen:Diese Frau bleibt ihrem Stil treu.Das muss man ihr lassen.Seht authentisch.
Ein gigantischer Schreibtisch.
Vollgemüllt.
Stapel von Papieren, Büchern, umgestürzte Kaffeetassen, Lippenstifte, Handtaschen und Pizzakartons.
Hinter dem Schreibtisch ein beeindruckender Chefsessel.
Auf dem nun der Sohn Platz nahm.
"Mama, was ist Aids?"
"Muss ich dann nicht mehr in die Schule?"
"Später mein Augenstern, ich habe Patientin hierr."
Als sie dann den Rezeptblock suchte, um mir Augentropfen gegen die Schmerzen, die sie verursacht hatte zu verordnen;anfing auf ihrem Schreibtisch rumzuwühlen-erfolglos- ja da glaubte ich schon, dass ich in eine dieser doofen Shows reingeraten war.
Versteckte Kamera oder so.
Aber es war die Realität.
Der ganz normale Wahnsinn.
Ich bin dann schnell geflohen.
Ohne Rezept.
Ohne Diagnose.
Beim Rausgehen warf ich noch einen mitleidigen Blick auf die armen alten Leute.
Die aber im besten Fall nicht nur halb blind waren, sondern auch hoffentlich ihr Hörgerät vergessen hatten.
Nächstes Mal geh ich wieder gleich zu HEMA.
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